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Kein Trara

Schlagzeug, Gitarre, Bass, mehr brauchen Shellac nicht, um auf „Excellent Italian Greyhound“ gehörig zu rumpeln.

Shellac Excellent Italian Greyhound

Platten von Shellac klingen, als wäre man im Proberaum dabei. Ihre neue Aufnahme, Excellent Italian Greyhound, mehr als jede zuvor. Ihre Musik ist nicht geschliffen, sie wirkt spontan. Am Anfang des ersten Stücks The End Of Radio fragt der Sänger, „Ist das Ding an? Könnt ihr mich hören?“, so als wäre er sich nicht ganz sicher, ob sie noch proben oder schon aufnehmen. Der Text klingt improvisiert, er wiederholt die Worte und „Test, Test, Test.“ Er grummelt, „I would like to thank the sponsor“. Pause, dann: „But… we haven’t got a sponsor.“

Der Bassist Bob Weston spielt dazu drei langsame, einfache Akkorde, Mal um Mal, achteinhalb Minuten lang. Sein Instrument ist verzerrt und nicht immer ganz im Takt. Der ist stellenweise aber auch schwer auszumachen, der Schlagzeuger Todd Trainer bricht immer wieder aus, setzt aus, drischt, wird schneller und wieder langsamer.

Steady As She Goes rumpelt und bollert, Be Prepared kracht und rumpelt, Boycott bollert und kracht. Alle Stücke klingen karg, wie ein Schlagzeug, eine Gitarre und ein Bass ohne großes Trara eben klingen. Elephant klingt noch karger als der Rest, da spielt minutenlang nur das Schlagzeug. Dann wieder tragen Albini und Weston im Dialog vor, schließlich singen sie eine richtig süße Melodie. Am Anfang staunt man über den aufgenommenen Klang, über die Homogenität der Platte. Bei wiederholtem Hören fällt einem auf, wie unterschiedlich und abwechslungsreich die einzelnen Stücke sind.

Die Band Shellac gibt es seit fünfzehn Jahren, Excellent Italian Greyhound ist ihr viertes Album. Ihr Gitarrist und Sänger ist der bekannte Produzent Steve Albini. An die 2000 Alben hat er bislang aufgenommen, so genau weiß das niemand. Nirvana hat er betreut, die Pixies, PJ Harvey, Mogwai, Fugazi, Joanna Newsom und viele andere bekannte und vollkommen unbekannte Bands. Albini ist der Meinung, jede Gruppe habe das Recht, aufgenommen zu werden.

Er nennt sich nicht producer, sondern recording engineer. In seinem Studio Electrical Audio in Chicago nimmt er so viel wie möglich live auf und verzichtet auf technische Tricks, wie sie heute üblich sind. Wer von ihm aufgenommen wird, muss spielen können und wissen, wie es klingen soll.

Wie sich Shellac nun anhören, fragen Sie? Diesem Text ein Hörbeispiel zur Seite zu stellen verbietet Mister Albini leider, auch Rezensionsexemplare gibt es von Shellac nicht. Aber man kann sich Shellac im Web 2.0 anschauen, bei YouTube zum Beispiel. Dort gibt es eine Mobiltelefonaufnahme von The End Of Radio vom Primavera-Festival des Jahres 2006. Albini improvisiert die Stelle mit dem Dank an den Sponsor auf dieser Aufnahme, er bittet Martina Navratilova, ihr Sponsor sein zu dürfen, „your name is fun to say, Martina Navratilova“. Beim ebenso auf YouTube einsehbaren Musikvideo zu Steady As She Goes laufen Bild und Ton nicht synchron, sie sind um genau einen Takt verschoben, dadurch fällt es kaum auf. Die drei Musiker stehen in einem kleinen Raum, es scheppert und rumpelt. Exakt so klingen Shellac auf Platte.

„Excellent Italian Greyhound“ von Shellac ist erschienen bei Touch & Go/Soulfood Music

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Im Zeichen der Wurfaxt

Der Sänger Mike Patton trägt jetzt Federschmuck. Er spielt mit der Band Tomahawk Indianerlieder nach. Spinnt der denn?

Tomahawk Anonymous

Es fällt schwer, einen Text über eine Platte Mike Pattons zu schreiben. Zu nah liegt die Versuchung, sich an seiner Vielseitigkeit und seinen Ideen zu ergötzen. Mit Mr. Bungle veröffentlichte er seit den Achtzigern kauzige Rockmusik – die ersten Jahre auf Kassetten, die heute teure Sammlerstücke sind. Die Liste seiner Kooperationen ist lang. Er arbeitete mit den Melvins und dem Komponisten John Zorn, er nahm Björks Album Medúlla auf. Zehn Jahre lang sang er bei Faith No More, danach spielte er bei Fantômas.

In welche musikalischen Gefilde es Mike Patton auch verschlägt: Er überrascht den Hörer! Mit der Band Fantômas interpretierte er auf Director’s Cut Filmmelodien von Nino Rota, Henry Mancini, Ennio Morricone und Angelo Badalamenti in flirrendem Drama-Rock. Ihr letztes Album Delìrium Còrdia bestand aus einem Stück, siebzig Minuten lang. Als Peeping Tom sang er im vergangenen Jahr ungewöhnliche Duette mit Massive Attack, Bebel Gilberto, Norah Jones und anderen. Er orientiert sich nicht am Zeitgeist, seine Projekte sind einzigartig. Nie macht er eine Masche daraus.

Jetzt kommt er mit Tomahawk. Anonymous ist das dritte Album im Zeichen der Wurfaxt, und es besteht aus Coverversionen. So weit, so normal? Von wegen. Tomahawk spielen Lieder der indianischen Ureinwohner Amerikas, dreizehn traditionelle Gesänge anonymer Autoren aus dem späten 19. Jahrhundert.

Wer kommt denn auf so eine Idee? Es ist leicht, solch ein schräges Unternehmen dem spinnerten Hirn Mike Pattons zuzuschreiben. Tomahawk ist im Gegensatz zu vielen seiner Projekte eine Band mit ihm, es ist nicht seine Band. Die Musik zu Anonymous spielte der Gitarrist und Bandgründer Duane Denison mit dem Schlagzeuger John Stanier in Nashville ein, Pattons Gesang kam später aus San Francisco.

Tomahawk machen nicht den Fehler, die Originale in derbe Rocknummern zu verwandeln. Sie bleiben nah an der Stimmung der rituellen Gesänge. Nur ab und an drängen die Gitarren oder Pattons schneidende Stimme in den Vordergrund. Dann werden die Stücke noch eindringlicher und düsterer.

Patton grummelt und jault. Es braucht meist keine verständlichen Worte, diese Musik lebt von einer starken Atmosphäre. Der War Song rührt tief, gleich zu Beginn des Albums. Eine Gewitterstimmung baut sich auf, die Gitarren und Bässe schrammeln auf einer einzigen Harmonie, Patton raunt tiefe Laute. Man kann sich gut vorstellen, wie Indianer sich auf den Krieg vorbereiten, ihre Pfeile schärfen und ihre Gesichter bemalen. Oder wie sie zum Ghost Dance um ein Feuer tanzen, um die bösen Geister zu vertreiben.

Sprunghafte Melodien kommen hinzu. Mescal Rite 1 beginnt mit Gebrummel von Gitarre und Basstrommel in einem undefinierbaren Takt. Wenn Mike Patton einsetzt, begleiten die Instrumente seine Stimme durch Berg und Tal, Nonen und Septimen, er singt etwas wie „Hunaheo-Hunanananaheao“. Ein Chor betont die Trommelschläge mit einem tiefen „Hunn!“. Am Ende quietscht eine Fidel ihr rostiges Lied, die Tänzer gleiten in einen unruhigen Schlaf.

Man kann viel hineinhören in die Lieder. Die meisten tragen die Worte „Tanz“, „Ritus“ oder „Zeremonie“ im Titel. Da liegen die Assoziationen nahe. Red Fox könnte einer Naturbeobachtung entspringen, die List eines Fuchses vertonen. Patton singt mit hoher, gepresster Stimme, im Hintergrund trappeln zarte Pfoten. Zur Antelope Ceremony werden die Messer gewetzt. Der Song Of Victory ist das Gegenstück zum War Song, Anspannung löst sich, es wird ausgelassen gefeiert.

In drei, vier Stücken singt Patton englisch, manchmal mischt er es mit indianischer Lautmalerei und Phantasiesprache. Der Cradle Song ist ein unbehagliches Schlaflied, furchterregend ploppt ein Bass, dazu singt Patton von gestohlenen Träumen und fliegenden Feuern. Wie soll man dazu einschlafen?

Zum ruhigen Long, Long Weary Day ziehen sich die Tänzer und Krieger in ihre Tipis zurück. Der Morgen graut, die Asche glüht langsam aus.

„Anonymous“ von den Tomahawk ist erschienen bei Ipecac

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Was der Apparat noch so kann

Dicker Funk erinnert an Prince, die Melodien beschwören Radiohead und Coldplay. Auf seinem dritten Album klingt der Berliner Elektronikmusiker Apparat nicht mehr so kühl und traurig wie früher.

Seit zehn Jahren nimmt der Berliner Sascha Ring unter dem Namen Apparat melancholische Laptop-Musik auf. Zwei Alben hat er beim Label Shitkatapult veröffentlicht, jetzt erscheint sein drittes, Walls.

Eine Überraschung. Wo ist die Distanz, die für viele elektronische Produktionen so charakteristisch ist? Und wo das Gefühl, jeder Ton, jeder Klang sei durchdacht? Das alles vermisst man nicht, man bemerkt das Fehlen nur, wenn man ein weiteres Album im Stile des Vorgängers Duplex aus dem Jahr 2004 erwartet hat.

Nur kurz scheint es, als ob Walls die Erwartungen erfüllte. Das Eröffnungsstück Not A Number ist ruhig und flächig, zart werden ein paar Töne aus dem Vibrafon geklöppelt. Vier Minuten später bricht ein schnarrender Basslauf durch, der könnte von den White Stripes kommen. Hailin From The Edge verkündet: „Nieder mit den Erwartungen, her mit dem schönen Leben!“

Apparat weitet sein elektronisches Geschäft mal hierhin aus, mal dorthin. Oft assoziiert man andere Lieder, andere Künstler. Hailin From The Edge und Over And Over protzen mit dickem Funk, die Stimme des Gastsängers Raz Ohara klingt ein wenig nach Prince. Holdon neigt zum HipHop, der in sanftem Falsett vorgetragene Refrain stünde sogar Robbie Williams: „Hold on / to all / you got“.

Headup ist euphorisch melodiös, eine singende Gitarre und dieses typische bam-bam-bam-peng-bam-peng-Schlagzeug gemahnen an Coldplay. Bei Arcadia grüßen Radiohead, Sascha Ring singt hier selbst, mit hoher Stimme. Die Melodien steigen aus dem Keller empor, Klänge öffnen sich. Radiohead hätten wohl auf den steten Tanzbass verzichtet – hier gehört er hin.

Das elektronische Schlagzeug hält die Platte zusammen. Die Bässe sind tief und dumpf, in den Höhen klackt es immer nur. Es wird wenig gefrickelt, Walls erschließt sich schnell. Immer wieder sorgen breite Streicher für Dramaturgie, die gesungenen Melodien sind getragen.

Es ist nicht alles so gut. In Limelight schnarrt eine fiese Keyboardgitarre, auf die Drei klatscht es jeweils anorganisch. Mancher Schlag bei Fractales klingt, als hätte Sascha Ring das elektronische Schlagzeug der Flippers geklaut, hallend, billig, fremd. Und das Keyboard-Muster klingt gar nach Join Me von Him. Das ist dann ein bisschen zu viel.

Walls klingt schlüssig, wenn man es als Dokumentation einer Richtungssuche versteht. Vielleicht hatte Sascha Ring die sanfte, verfummelte Elektronika einfach über und wollte einmal sehen, was der Apparat noch so kann. Er wirkt nicht desorientiert, mutig probiert er dies und das aus. Die von Maria Hinze gestaltete Hülle erinnert an Kritzeleien beim Telefonieren, sie spiegelt die Vielgestaltigkeit der Musik wider.

„Walls“ von Apparat ist erschienen bei Shitkatapult

 

Der Bass von nebenan

Das Tied + Tickled Trio aus München und das Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe kommen mit je einem Album. Das eine klingt, als sei es Tür an Tür mit dem anderen aufgenommen worden

Tied + Tickled Trio Aelita

Es war ein denkwürdiger Abend im Herbst des Jahres 2006. Da beging die kleine Plattenfirma Hausmusik im Münchner Feierwerk ihr fünfzehntes Jubiläum mit einem Festival, der zweite Tag endete mit einem spontan angesetzten Auftritt des Tied + Tickled Trios. Die Bläser ihres jüngsten Albums Observing Systems waren nicht dabei, vier Musiker – oder waren es fünf? – rührten eine trübe Dub-Suppe an. Die unerwartet monotonen Rhythmen, das düstere Scharren und die Bassbrummereien waren des Festivals Salz und Sahnehäubchen. Es war laut, ohrenbetäubend laut, dunkel und stickig; kaum jemand wagte es sich zu bewegen, nur der Haarschopf des Bassisten Micha Acher federte vor seinen geschlossenen Augen hin und her. Alles passte, es war unfassbar.

Offenbar selbst von diesem Auftritt beeindruckt, begaben sich die Musiker alsbald ins Studio, um die Stimmung zu reproduzieren. Innerhalb von drei Tagen entstand Aelita. Der Versuch misslang. Die Euphorie des Abends konnten sie nicht herzaubern. Im Scheitern brachten sie etwas Drittes, gleichwohl Fabelhaftes hervor. Aelita ist direkt, drängend und tieftraurig. Nur eines der acht Stücke, Other Voices Other Rooms, reißt eine Melodie an, die ins Licht führt.

Der tiefe Dub ist noch da, das swingende Grummeln. Die Bässe graben im Subsonischen, Melotron und Xylofon – oder ist das ein Vibrafon? – singen melancholische Melodien. Trüffelschweinen gleich durchwühlen diese Musiker ihre Klangwelt. Rhythmen werden ewig durchgehalten, jede einzelne Idee so lange ganz leicht variiert wiederholt, bis sie alles zusammen haben. Meist sind dann sieben Minuten um. Vielleicht macht das Schlagzeug Markus Achers den Unterschied zum Konzert. Beherrscht klingt es, nicht so ausgefeilt und schnell wie auf der Bühne.

Auch wenn die Platte nicht die Kraft jenes spätsommerlichen Abends hat, zeigt sie doch die Sicherheit des zur Zeit fünfköpfigen Trios und dessen Gabe, sich einmal mehr in eine unerwartete Richtung zu entwickeln.

Kammerflimmer Kollektief Jinx

Als das Tied + Tickled Trio im Studio stand, nahm nebenan das Kammerflimmer Kollektief sein Album Jinx auf. So jedenfalls klingt es. Der tiefe Dub aus München scheint wie durch eine dicke Wand in die Stücke des Karlsruher Trios zu dringen. Das Kammerflimmer Kollektief spielt Variationen dazu, Gemurmel, Gekratze. Schon im Eröffnungsstück verknoten sich die Linien verschiedener Gitarren, von Harmonium, Percussion, Synthesizer, Doppelbass, Kalimba, E-bow, Wurlitzer und Viola zu einem dicken Geräuschwust.

Während der Aufnahme des Titelstücks Jinx müssen die Studiotüren sogar nur angelehnt gewesen sein. Hier mischen sich Dub und Distinktion, Coffeeshop und Konservatorium. Hektische Stimmen kreischen, johlen und plappern in die weite Welt, ein einfacher Lauf der Steelgitarre und der Rhythmus fangen sie immer wieder ein.

Die Stücke auf Jinx feiern den Schwermut. Nach und nach treten die Melodien, das Hörbare, das Fließende in den Vordergrund, dann klingt das Album richtig warm und nah. Beim fünften Hören zerspringt alles in seine Einzelteile.

Der Kritiker Dietmar Dath liefert einige Überlegungen mit, sie liegen dem Album bei: „So wichtig wie der Text, wie Zeilenzahl, Konkordanz, Register, Lesartenverzeichnis, Fußnotenapparat und Palimpsest ist der Schauspielerin die Musik, die alle Menschen hören, während sie zusehen. Es kommen da keine langen Walgesänge auf, das Summrollen, das die Arme und Beine des musizierenden Trios erzeugen, macht jedes Fiepen zunichte, das sich mit Ozeanischem aufspielt. Komische Aufführungspraxis: Applaus gibt es keinen, nur ein Flüstern wie mitten in der Grünen Hölle“, schreibt er. Das klingt so absurd wie angemessen.

Das finale Stück des Albums, das zehnminütige Subnarkotisch, wurde wohl erst am vierten Tag eingespielt, da waren die Tanzbären von nebenan schon beim Fototermin. Da ist überhaupt kein strukturierender Rhythmus mehr, nur langsam geschichtete, prozessierte Klänge von Streichinstrumenten. Jinx endet im Lärm.

„Aelita“ vom Tied + Tickled Trio ist als CD und LP erschienen bei Morr Music; „Jinx“ vom Kammerflimmer Kollektief ist als CD und LP erschienen bei Staubgold. Beide Alben werden vertrieben über Hausmusik

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Mundharmonika an Tofu

Die Gruppe Laub sitzt nicht am Mississippi, sie wandelt zwischen hohen Bürogebäuden im renovierten Berliner Osten. So klingt ihre Musik auch anders als der Blues der Alten

Laub Deinetwegen

In einer Ecke des spärlich beleuchteten Raums sitzt John Lee Hooker, in einer anderen Muddy Waters. Hooker atmet kurz durch, greift nach seiner Gitarre und daddelt drauflos. Das Instrument legt sich an seinen Körper, sie winden sich umeinander. Ein paar Versuche, dann grinst er zufrieden und schickt Waters eine launische Tonfolge hinüber. Er macht eine Pause und schaut den Klängen hinterher. Es dauert eine Ewigkeit, bis sie angekommen und vollkommen verklungen sind. Dann Waters, er spielt das Echo, fünf, sechs Mal und beginnt sanft zu variieren. Schließlich schickt er die Töne umgeordnet zurück, ein bisschen schlampig vielleicht. Dazu murmelt er ein paar Zeilen, „All you people, you know the Blues got a soul, well this is a story, a story never been told, well you know the Blues got pregnant, and they named the baby Rock’n’Roll“.

Das muss lange her sein. Der Rock’n’Roll ist im Rentenalter. John Lee Hooker ist seit sechs Jahren tot, Muddy Waters seit 25. Und der Blues? Spielt den heute noch jemand, der unter 60 ist? Ja! Laub aus Berlin tun das. Vier Alben lang ließen die Dichterin Antye Greie und der Gitarrist Jotka elektronische Musik zu lyrischen deutschen Texten hören. Während der Aufnahmen zur fünften Platte Deinetwegen entdeckten sie den Blues und spielten ihn, spielten mit ihm. Die Elektronik gaben sie nicht auf, so sind sie weniger die Pfleger des Blues als seine Heiler, die ihm mit Frischzellen kommen.

Ein dumpfer Schlag eröffnet das Album und das Stück Covering. Ein paar Saiten werden gestreichelt, eine dunkle Stimme ruft etwas, das wie I know her klingt. Langsam bilden die Töne Muster, die Schläge werden rhythmischer, das Stück bekommt Struktur. Das ist astreiner Blues, einfach und traurig. This Way, empfiehlt die Stimme. Schließlich wird das Gitarrenmuster zersägt, im Hintergrund knackt’s. Blues und Elektronika fließen zusammen, eine Frauenstimme singt die Tonfolge der Gitarre, „Dadldidau, Dadldidau“.

Und der Blues steckt nicht nur in den Gitarren. Antye Greie spielt mit den Worten, dreht und wendet sie, variiert Wortfolgen. Sie singt kaum, stellenweise rezitiert sie. Assoziative Wortfolgen schickt sie durch den Raum und horcht ihnen nach. Es geht um Alltägliches, Liebe, die Bestellung beim asiatischen Imbiss gegenüber: „Während ich warte auf mein verschrumpeltes Tofu und mir das Gehirn zerkrümle über Politik in Musik und wozu, fragt ein sechs Jahre alter Junge am Nebentisch seinen Papa, »Sag mal, sind Augen auch aus Chemie?« Mir wird klar, und wie, und wie, darüber hatte ich und auch der Vater so konkret noch nicht nachgedacht. Mit meiner fünf Euro Plastetüte Natriumglutamat zieh ich mir ’ne Lucky aus’m Automat und ’ne DVD aus’m Megastore. Ich schieb die DVD in mein Powerbook und mir die Nummer 21 vom Asi rein.“ Manche Texte wenden sich ins Bittere, andere sind sehr poetisch. „Seitdem sah ich dich untergehen, wie die Titanic – erst langsam, dann plötzlich – warst du weg, alles andere war noch da, der Schnee, die Stadt, deine Frau, dein Kind“, heißt es in Schnee.

Laub beherrschen das für den Blues typische Spiel mit Zitat und Variation. In Analog wiederholt Antye Greie Mal um Mal die Worte „Boom Boom Boom“, so heißt ein Lied John Lee Hookers, und so heißt auch ein Blues-Club in San Francisco. Das Stück Ruf erhebt sich aus den klagenden Lauten einer Mundharmonika. Viele der von Jotka eingespielten Gitarrenschnipsel auf der Platte klingen sehr alt und irgendwie bekannt. Sie sind handgemacht, nur an wenigen Stellen bearbeitet. Alles andere ist elektronisch erzeugt.

Klar, Laub sitzen nicht am Mississippi, sie wandeln zwischen hohen Bürogebäuden im renovierten Berliner Osten. Sie schuften nicht auf Baumwollfeldern und hängen nicht im Strafgefangenenzug, sie erzählen von sinnloser Telekommunikation, Beziehungsproblemen und kapitalistischen Lebensverhältnissen, auch irgendwie zermürbend. Der Blues passt gut in die hektische Welt der Schönen und Erfolgreichen am Prenzlauer Berg.

„Deinetwegen“ von Laub ist als CD erschienen bei AGF Producktion

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Immer rein damit!

Kronkorken und Alufolie, Filz und Klebeband, bei Volker Bertelmann alias Hauschka gehört das alles ins Klavier. Es ist die pure Lust am Imperfekten, die ihn treibt

Hauschka Prepared Piano

Wer einmal erlebt hat, wie aufwändig das Stimmen eines Klaviers ist, der versteht, weshalb viele Musiker seinen Klang für perfekt halten. Umso faszinierender ist, welchen Reiz die Zerstörung dieses perfekten Klangs auf viele Pianisten ausübt. Henry Cowell, John Cage, Arvo Pärt, Cor Fuhler, sie alle geben sich mit den 88 Hämmern nicht zufrieden, sie öffnen ihre Instrumente und streuen Grautöne zwischen die schwarzen und weißen Tasten.

Vor zwei Jahren nahm der Düsseldorfer Volker Bertelmann unter dem Pseudonym Hauschka ein Album am präparierten Klavier auf, The Prepared Piano. Er klemmte Lederfetzen, Filzstücke und Gummi zwischen die Saiten, umwickelte die Hämmer mit Alufolie, legte Gegenstände auf die Saiten, wob Gitarrensaiten ein und verband sie mit Klebeband.

Kronkorken hüpften durch den Korpus, stumpf schlugen die abgeklebten Saiten an – oder hörte man ein Schlagzeug? Mancher Klang war so verfremdet, dass er von einem Keyboard oder einer Gitarre stammen konnte. In Wirklichkeit war auf der Platte fast nur das Klavier zu hören. Gesang gab es keinen.

Bertelmann schwelgte nicht, seine Melodien wären auch ohne die Störklänge nicht romantisch. Traffic wirkte in seinem rastlosen Drängen wie eine Hommage an Jacques Tatis gleichnamigen dialogfreien Film von 1971. Immer wieder blieben die Klänge hängen, vielen Mustern wurde die harmonische Auflösung von dumpfem Hämmern verweigert. Bei Firn stolperten beinahe alle Töne, kaum eine Saite schien unpräpariert. Kein Wort bestand aus zufällig Hingeworfenem, einer Lockerungsübung gleich – knacken da Gelenke? Nur ganz selten tauchten hier melodiöse Muster auf, manchmal hieb er mehrmals auf die gesperrte Taste ein, immer vehementer, so als vermutete er irgendwo da unten einen freundlichen Klang. Die pure Lust am Imperfekten trieb ihn zu immer neuen Experimenten, klanglich und rhythmisch.

Hauschka Versions

Die Stücke dieser Platte sind nun die Grundlage für die Versions Of The Prepared Piano. Volker Bertelmann bat elf Musiker, seine Stücke mit ihren eigenen Mitteln weiter zustricken. Sie dürften dabei auch gern singen.

Legt man die CD in den Rechner, so ordnet iTunes sie dem Genre „Unclassifiable“ zu, das ist nur gerecht. Jeder der zwölf Musiker bastelt etwas Neues und vor allem Anderes aus dem Material. Den Anfang macht Eglantine Gouzy, sie fügt Two Stones nur ihre Stimme hinzu. Im Duett mit sich selbst singt sie eine zerbrechliche Melodie. Ähnlich funktionieren World Of Things To Touch von Tarwater und Morning von Mira Calix.

Die meisten anderen Musiker gehen weniger rücksichtsvoll mit Bertelmanns Geklimper um. Barbara Morgenstern legt über die hypnotisierenden Klänge von Where Were You eine leichte Keyboardmelodie, auch sie singt dazu. Bertelmann selbst macht aus Traffic eine säuselige Popnummer mit mehrstimmigem Gesang und Schlagzeugcomputer. Vert baut in das gleiche Stück Bläser und breites Synthesizer-Bratzeln ein, dazu rappt er. Twins wird in den Händen von TG Mauss zu einer treibenden Diskonummer.

Nobukazu Takemura und Frank Bretschneider nahmen sich jeweils das Stück Kein Wort vor, es sind die beiden einzigen Instrumentalstücke auf dem Album. Takemura zerstückelt das Ursprungsmaterial mit grobem Messer, wildgewordene Bandmaschinen verspulen sich dazu, der Rhythmus ist dahin. Bei Bretschneider hingegen brummt es düster, ein mechanisches Klopfen gibt Struktur.

Die Stücke bleiben Experimente, niemand schummelt das stolpernde Klavier soweit in den Hintergrund, dass man es nicht mehr hört. Ihre Stimmungen werden weiter getragen, hier und da taumeln auch die hinzugefügten Instrumente, Klänge und Stimmen ganz gehörig. Am interessantesten ist das Album dort, wo man Versionen und Herangehensweisen vergleichen kann, weil sich mehrere Musiker über das gleiche Stück hermachen.

Vor einigen Wochen stellte Pinky Rose an dieser Stelle Alva Noto vor und sein Prinzip, Klängen durch unzählige Kopiervorgänge die Graustufen zu nehmen. Bei Hauschka funktioniert es umgekehrt. Zwölfmal werden seine kargen Stücke aus dem Jahr 2005 auf den Kopierer gelegt, in diesem sitzt ein kleiner Gnom, der willkürlich Farbe auf die Walzen der Maschine aufträgt. Im Hintergrund sieht man noch das grieselige Original, davor tummeln sich nun bunte Kleckse.

„Versions Of The Prepared Piano“ von Hauschka ist als CD erschienen bei Karaoke Kalk, ebendort erschien im Jahr 2005 „The Prepared Piano“ als CD und LP

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Rock’n’Roll in 17 Stichen

Die Manic Street Preachers wollten eine einzige Platte aufnehmen und sich danach auflösen. „Send Away The Tigers“ ist nun ihre achte.

Manic Street Preachers Send Away The Tigers

Ist das Kim Wilde? „Your love alone is not enough, not enough, not enough. When times get tough, they get tough, they get tough, they get tough.“ Wenn die Zeiten hart, hart, hart sind, ist auch deine Liebe nicht genug, genug, genug, klar. Zeilen, die dem Popsternchen und Männertraum der Achtziger durchaus gut stünden, stumpf gereimt und ein bisschen doof. Kim Wilde würde gut zu den hier musizierenden Manic Street Preachers passen. Schließlich nahmen sie bereits das Stück Little Baby Nothing gemeinsam mit der wenig gesangsbegabten Pornodarstellerin Traci Lords auf.

Es ist nicht Kim Wilde, es ist Nina Persson, Sängerin der schwedischen Popgruppe The Cardigans. Ihr dünnes Stimmchen verrät sie in der ersten Minute von Your Love Alone Is Not Enough, der ersten Single des neuen Albums der Manic Street Preachers Send Away The Tigers. Ein schwaches Lied, inklusive „La la la la la la la la“-Gesäusel.

Es ist ihr achtes Album, bei ihnen wird gerne argwöhnisch mitgezählt. Im Jahr 1992 veröffentlichten sie ihr Debüt, Generation Terrorists. In unzähligen Interviews erläuterten sie ihren Plan: ein einziges Album veröffentlichen, davon mehr Exemplare verkaufen, als Guns ’n’ Roses von Appetite For Destruction, drei Abende hintereinander im ausverkauften Wembley-Stadion spielen und sich dann auflösen. Damals beliebte Bands hielten sie für „worse than Hitler“, im Video zu You Love Us trat der Bassist Nicky Wire als Marilyn Monroe auf, in Thailand erreichten sie ein Auftrittsverbot, nachdem sie der königlichen Familie dort den Tod gewünscht hatten. In einem Interview mit dem BBC-Moderator Steve Lamacq ritzte sich der Gitarrist Richey James mit einer Rasierklinge 4 Real in den Arm. Siebzehn Stiche machten ihn zur Ikone.

Die vier Musiker aus Wales betonten nimmermüde, wie ernst sie es meinten. Und ihr Plan erfüllte sich zu einem Hundertstel. Von Generation Terrorists wurden eine Viertelmillion Exemplare verkauft, von Appetite For Destruction indes 25 Millionen. In London spielten sie zweimal vor 900 Menschen im Marquee Club, in Wembley wären es 90.000 gewesen. In Deutschland traten sie auf im Vorprogramm der Toten Hosen. Auflösen konnten sie sich besser: Nachdem ihre ruppiges drittes Album The Holy Bible erschien, verschwand plötzlich Richey James. Sein Auto wurde an der Severn Bridge gefunden, der Grenzfluss zwischen Wales und England ist dort beinahe einen Kilometer breit. Vom Musiker fehlt bis heute jede Spur.

Als Trio machten sie weiter und nahmen mitreißende Alben auf, Everything Must Go erschien im Sommer 1996 und This Is My Truth Tell Me Yours zwei Jahre darauf, beide wurden mit dem Brit Award für das beste Album belohnt. Danach ging’s musikalisch bergab. Ihr letztes Album, Lifeblood, klang gepflegt nach Langeweile. Die Ironie der früheren Jahre, der Glam und der Punk waren verschwunden. Ihre Gesten gerieten immer größer, der glatte Bombast ihrer Stücke begann zu nerven. Gar die Hülle der letzten Platte glänzte aufdringlich. Derweil gaben sich die Musiker als große Sozialisten, besuchten Fidel Castro und sangen ein Lied für Elián Gonzáles, ein Kind, das zum Politikum zwischen Kuba und den USA geworden war.

Send Away The Tigers ist ein kleiner Schritt nach vorne, immerhin. Es ist weniger geschliffen, die Stücke sind wieder besser. Vieles klingt typisch: die getragenen, hallenden Gitarren, das einfache Bum-Tschak des Schlagzeugers Sean Moore, die hymnischen Refrains und die zitatreiche Lyrik. Besonders gelungen ist das rockige Underdogs, es versprüht diese renitente Attitüde der frühen Jahre, verpackt Sozialromantik in punkige Akkorde. Der Autumnsong baut auf einem ergreifenden Gitarrenmuster auf, im Mittelteil wird leider ein bisschen zu viel geklatscht. The Second Great Depression besticht durch ein düster gestrichenes Cello und eine schöne Melodie. Mit gepresster Stimme beklagt James Dean Bradfield in Rendition die Folterpraktiken der CIA, „Never knew the sky was a prison“. So was hört man gerne von ihm, auch wenn das Lied sonst lahm daherkommt.

Vieles vom Rest klingt verfettet und satt. Hier ein Schunkelrhythmus (Indian Summer) und ein übertriebenes Gitarrensolo (Imperial Bodybags), dort eine Reminiszenz an den peinlichen deutschen Metal der Achtziger (Rendition) und ein zu billiger „Nanana“-Refrain (Winterlovers). Unübertroffen schlecht ist die Single Your Love Alone Is Not Enough.

Zehn Stücke sind es insgesamt, die Bilanz wäre wohl ausgeglichen, fünf zu fünf. Wenn es nicht ganz am Ende, einige Minuten nach dem eigentlich abschließenden Stück Winterlovers, plötzlich weiter tönen würde: „As soon as you’re born they make you feel small, by giving you no time instead of it all. Till the pain is so big you feel nothing at all“, krächzt James Dean Bradfield sich durch eine unerträglich dick aufgetragene, bluesrockige Version von John Lennons Working Class Hero aus dem Jahr 1970. „If You Wanna Be A Hero, Just Follow Me“. Bei Lennon klang das noch ironisch.

Knapp verloren. Schade.

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Auf Englisch noch blöder

Guns n‘ Roses, Queen, Whitney Houston und Daft Punk haben etwas gemeinsam: Ihre Stücke werden von dem Kölner Duett Wolke nachgespielt

„Ich will mich befreien, ich will mich be-he-freien! Ich will mich befreien, denn du brauchst nur dich selbst, deine Lügen die brauch ich nicht. Ich muss mich befreien, Gott weiß, ich will mich befreien.“ Das klingt irgendwie bekannt? Freddy Mercury schmachtete diese Zeilen vor dreiundzwanzig Jahren ins Mikrofon – auf englisch natürlich: I Want To Break Free. Im Hintergrund litt sich seine Band Queen nicht weniger leidenschaftlich durch ein bombastisches Rockstück. Und hier? Ein Klavier spielt ein sanftes pling-pling-pling-pling, dazu ein freundlicher Bass und ein elektronischer Rhythmus, zurückhaltend, fast weinerlich gesungene Worte. Was ist das?

Ich will mich befreien ist das Titelstück eines Minialbums des Kölner Duetts Wolke. Sie interpretieren darauf fünf sehr unterschiedliche Lieder aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Da sind zu hören Stücke von Queen, den kalifornischen Rockern Guns n’ Roses, dem Soulpopsternchen Whitney Houston, von Daft Punk aus Frankreich und der Frankfurter Tanzkombo Snap.

Wolke, das sind Oliver Minck und Benedikt Filleböck. Ihre behutsam arrangierte Popmusik tragen sie mit Bass und Klavier vor, dazu singen sie, ein programmiertes Schlagzeug ploppt die Rhythmen. Der Name passt, bei Wolke klingt alles leicht. Zwei Alben haben sie bisher veröffentlicht, Sušenky (2005) und Möbelstück (2006), Sušenky ist tschechisch und heißt Süßigkeit, auch das passt.

Ein Xylophon gibt den Takt vor in Um die Welt rum, dazu werden ein paar Akkorde auf dem Bass geschrammelt, später klatscht es programmiert, jemand spielt Harmonium. Die französische Band Daft Punk schrieb das Original, Around The World. Viel zu übersetzen gab es in diesem Fall nicht, sie singen nur immer wieder „Um die Welt rum“, zweiundvierzig Mal. Es fällt auf, wie übertrieben lang die Originale sind. Around The World muss nicht sieben Minuten dauern, Wolke kommen mit drei Minuten aus.

Sweet Child O’ Mine kürzen sie von sechs auf viereinhalb Minuten und nennen es Mein süßes Kind. Das Gitarren-Gezeter des Guns n’ Roses Gitarristen Slash wurde vor einigen Jahren vom amerikanischen Magazin Guitar World unter die besten einhundert Gitarrensoli gewählt, das einleitende Gitarrenmuster galt den Lesern des britischen Magazins Total Guitar als das beste aller Zeiten. Es hilft alles nichts, Wolke ersetzen es durch ein gesäuseltes „Badada, Badada, Badada, Badada“.

Das flotteste Stück in der Sammlung ist Ich will mit jemandem tanzen, Whitney Houstons I Wanna Dance With Somebody. „Ooh, ich will mit jemandem tanzen, ooh, ich will mit jemandem die Hitze spüren. Mmh, ich will mit jemandem tanzen, aah, mit jemandem, der mich liebt.“ Köstlich.

Wolke nehmen das ernst, was sie machen, das ist sehr angenehm. Die Süßlichkeit und Leichtigkeit ihrer Lieder ist nicht ironisch. Auch die nachgespielten Stücke auf Ich will mich befreien leben nicht nur vom Kalauer. Die Übersetzungen sind – soweit es eben geht – lyrisch, den Pathos der Originale lassen sie meist weg. Nur bei In Ewigkeit, ihrer Version von Snaps The First, The Last, Eternity legt sich Oliver Minck mehr ins Zeug und brüllt die Texte mit rauchiger Stimme. Aber wie sollte er mit dem dick Aufgetragenen auch sonst umgehen? „Ganz egal, wo ihr herkommt, ich habe euch was zu erzählen. Und ich will, dass ihr mir zuhört, dass ihr mit mir geht. Macht euch keine Sorgen, gute Nachricht ist unterwegs. Und so wie alles anfing wird es auch zu Ende gehen.“ Das klingt im englischen Original sogar noch blöder.

Aber was hätten sie auch davon, sich nur lustig zu machen? Wenig. Denn wie oft kann man lachen, wenn eine Band wie die Original Deutschmacher eine sinnlose Übersetzung eines internationalen Hits nach dem anderen singt? Wenn sie You Keep Me Hanging On von den Supremes bzw. Kim Wilde mit „Du lässt mich hängen an“ übersetzen? „Setz mich frei, warum nicht Säugling? Geh aus meinem Leben, warum tust du’s nicht, Säugling? Weil du nicht wirklich liebst mich, du nur lässt mich hängen an!“ Nun, ja, einmal. Wenn überhaupt.

Die liebevollen Neubearbeitungen von Wolke kann man immer wieder hören.

Hören Sie hier „Ich will mich befreien“

„Ich will mich befreien“ von Wolke ist als CD erschienen bei Tapete Records

Wolke auf Tour:
18.04.07 Aachen (Raststätte)
19.04.07 Luxembourg (D:qliq)
20.04.07 Duisburg (Buschbrand)
21.04.07 Berlin (Maschinenhaus)
26.04.07 Köln (Studio 672: Unplugged bei Lagerfeuer deluxe)
27.04.07 Nürnberg (K4)
28.04.07 Karlsruhe (Nun Cafe)
17.05.07 Düsseldorf (Pretty Vacant)
18.05.07 Frankfurt (Das Bett)

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Laptop und Flokati

The Go Find malen Musik mit warmen Farben. Wäre die Welt gerecht, würde ihr Album „Stars On The Wall“ die Hitparaden anführen. Sie ist es nicht, ganz oben stehen andere Sterne.

Auf dem ersten Platz der Deutschen Single-Hitparade der vergangenen Woche standen die zwei Schwerenöter Gerhard Friedle und Nikolaus Presnik vulgo DJ Ötzi und Nik P. Ihr Stück Ein Stern (der deinen Namen trägt) verharrt dort seit einigen Wochen. Weder die „sensationelle neue Single“ (Pressemitteilung der Plattenfirma) Nelly Furtados noch die „sensationelle neue Single“ (ebd.) der Mädchengruppe No Angels konnten den tumben Karnevalsknaller bisher überflügeln. „Ein Stern, der deinen Namen trägt, hoch am Himmelszelt, den schenk ich dir heut’ Nacht.“ Utz, utz, utz. Das schmerzt, nicht nur in den Ohren.

In einer gerechteren Welt würden die Lieder von Musikern wie Dieter Sermeus die Hitparaden anführen. Er ist Anfang Dreißig, kommt aus Belgien und hat unter dem Namen The Go Find vor drei Jahren sein erstes Album Miami veröffentlicht. Darauf sang er viele schöne Melodien, begleitet von sich selbst am Laptop und an der Gitarre. Auf Tour bot er seine Lieder mit drei weiteren Musikern dar. Weil das viel besser klang und netter war, nahm er sie hernach mit ins Studio, um das zweite Album Stars On The Wall aufzunehmen. Tim Coenen, Nico Jacobs und Joris Calluwaerts scheinen auf den gemeinsamen Reisen viel gelernt zu haben über den Pop-Entwurf ihres Arbeitgebers.

Solche Sterne lässt man sich gern gefallen. Bunte Sterne, in warmen Farben an die Schlafzimmerwand gemalt. Weich und gedämpft klingen die Instrumente – wie viel schöner doch ein echtes Schlagzeug zu dieser Musik passt! Und die betagt knackenden Synthesizer-Transistoren machen sich viel besser als scheppernde Laptop-Klänge. Über allem liegt eine feine Süße, die weder klebrig ist, noch ironisch gemeint. Dieter Sermeus’ etwas weinerliche Stimme wird hier und da von sanften Doo-doo-doo-doo-Chören begleitet, doch selbst wenn er dick aufträgt, klingt es noch zurückhaltend. Herr Ötzi und Herr P. kämen mit dem bisschen Schmiere nicht bis zum ersten Refrain.

Sermeus‘ neue Stücke lassen deutlich mehr akustische Freiräume, als die des ersten Albums. Erstaunlich, waren hier doch viermal so viele Musiker am Werk. Die Töne sitzen präziser, die Spielerei mit Geräuschen im Hintergrund ist weitestgehend verbannt. Jeder eingesetzte Klang scheint allein das Ziel zu verfolgen, die Melodie herauszustellen. Damit man sie auch ja nicht überhöre, diese feinsinnigen Linien. Aber wie könnte man? Schon das zweiminütige Beautiful Night lockt den Hörer an. Ein Keyboard fiepst süßlich, der alte Synthesizer wabert einen Flokati darunter. “Biii-juuu-tiii-fuuuul Naaa-haaaait“ flüstert ein Frauenchor. Aus der Melodie, die Dieter Sermeus singt, hätte er mehr machen können als so eine winzige Einleitung. Musste er aber offensichtlich nicht, die folgenden zehn Lieder sind ebenso ergreifend. Mal sind sie freudig, mal melancholisch, wie es sich auf einer guten Pop-Platte gehört.

In einer gerechten Welt bräuchte man beim Erzählen von solchen Liedern nicht ins Schwärmen kommen. Aber das wäre ja irgendwie auch schade.

Hören Sie hier „Dictionary“

„Stars On The Wall“ von The Go Find ist als CD und LP erschienen bei Morr Music

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