So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Autoren Archiv von Mark Schieritz

Was kostet uns der Grexit?

Von 1. Juli 2015 um 00:11 Uhr

Für die Kanzlerin scheint die Sache klar: Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion sei für den Bundeshaushalt verkraftbar, sagte Angela Merkel als sie diese Woche gemeinsam mit Sigmar Gabriel vor die Presse trat.

Und in der Tat: Die unmittelbaren Etatrisiken sind begrenzt, weil die jährlichen Zinszahlungen niedrig sind und die Tilgung der Schulden aus dem ersten und dem zweiten Rettungspaket erst ab 2020 beginnt. Entsprechend müssen Zahlungsausfälle auch dann erst verbucht werden – und das gilt auch für Verluste der staatseigenen KfW, die die Kredite im Rahmen des ersten Programm ausreichte.

Aber wie es so schön heißt: There is no free lunch. Auch wenn das Geld erst in der Zukunft nicht gezahlt wird – es ist trotzdem weg. Um welche Summen es geht zeigt dieser offizielle Tilgungsplan.

 

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Von 2020 an fehlen also jedes Jahr rund 5 Milliarden Euro im Haushalt – und die Beträge werden im Laufe der Zeit sogar größer. Das wird Deutschland nicht um, aber dafür kann man einige Kitas – oder dann Altersheime – bauen.

Hinzu kommt ein weiterer Posten. Denn wenn Griechenland wirklich die Währungsunion verlässt, muss auch die Europäische Zentralbank (EZB) Verluste tragen. Denn erstens schuldet der griechische Staat auch der EZB Geld, weil die Notenbank griechische Staatsanleihen aufgekauft hat. Und zweitens würden bei einem Grexit die Forderungen aus den Refinanzierungsgeschäften mit griechischen Banken  fällig gestellt werden müssen.

Die Deutsche Bank beziffert die insgesamt anfallenden Verluste auf  rund 110 Milliarden Euro (für den Fall, dass die Griechen den Schuldendienst komplett einstellen). Damit würde das Eigenkapital der Notenbank weit gehend aufgezehrt werden. Nun ist eine Notenbank keine Geschäftsbank und kann auch mit negativem Eigenkapital operieren.

Doch schon um ihren Ruf nicht zu schädigen wird die EZB das nicht tun. Sie wird also weniger Gewinne an die nationalen Notenbanken ausschütten und damit kann auch die Bundesbank weniger Geld an den Finanzminister überweisen. Wahrscheinlich würde der Bundesbankgewinn – bisher stets ein willkommener Zuschuss für den Haushalt (allein in diesem Jahr belief er sich auf knapp 3 Milliarden Euro) – für einige Jahre sogar komplett ausfallen. Und sehr wahrscheinlich wäre das nicht erst ab 2020 der Fall.

Die schwarze Null ist also wohl nicht in Gefahr, wenn die Griechen nächste Woche nicht mehr Mitglied der Währungsunion sind. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass der Grexit nichts kostet – von möglichen indirekten Kosten durch Ansteckungsgefahren oder weniger Exporte nach Griechenland einmal abgesehen – wäre aber falsch.

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Die griechische Rentenlüge

Von 18. Juni 2015 um 17:16 Uhr

Die Kollegen von Spiegel Online haben heute schon die dankenswerte Aufgabe übernommen, mit dem in einigen Medien – und von Wolfgang Bosbach – verbreiteten Mythos aufzuräumen, wonach die Griechen im Schnitt mit 56 Jahren in Rente gehen, während in Deutschland bis zu einem Alter von 64 Jahren gearbeitet würde. Bei der entsprechenden Statistik handelte es sich um Daten aus dem Staatssektor, die noch dazu durch Frühverrentungen verzerrt sind und keinesfalls mit den Daten für die Bevölkerung insgesamt aus Deutschland vergleichbar sind.

Aber wie steht es nun um das griechische Rentensystem – genauer: Geben die Griechen nun viel Geld aus für ihre Rentner oder nicht?

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Merkels heimlicher Schuldenschnitt

Von 15. Juni 2015 um 00:11 Uhr

Angela Merkel stimmt einem Schuldenschnitt zu. Diese Aussage wird die Bundeskanzlerin natürlich zurückweisen, aber sie weiß genau, dass sie mit der Wahrheit in der Griechenland-Krise zumindest kreativ umgeht. Wer mein Zeuge dafür ist? Niemand anderes als der Internationale Währungsfonds (IWF). Weiter…

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Die Mär von der Enteignung der Sparer – die Sicht der EZB

Von 19. Mai 2015 um 20:12 Uhr

Die Arbeitspapiere der EZB sind in aller Regel kein Lesevergnügen, doch das neue Papier der Notenbank zu den Folgewirkungen niedriger Zinsen ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit Geldpolitik befassen.

Die Autoren Ulrich Bindseil, Clemens Domnick und Jörg Zeuner setzen sich darin mit einigen populären Vorwürfen auseinander, die auf die EZB vor allem aus Deutschland einprasseln.
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IWF zerschiesst Gabriels Autobahngesellschaft

Von 13. Mai 2015 um 10:57 Uhr

Wir erinnern uns: Eines der wichtigsten Ergebnisse der Expertenkommission zur Ankurbelung der Investitionen in Deutschland war der Vorschlag, die Autobahnen in eine eigene Gesellschaft auszulagern, die sich aus Einnahmen einer allgemeinen Maut finanziert und auch Schulden aufnehmen kann. Die Expertenkommission empfahl, diese Gesellschaft nicht dem Staatssektor zuzuordnen beziehungsweise mit einer Staatsgarantie auszustatten. Offizielle Begründung: Weil dann mögliche Schulden des Vehikels auf die Schuldenbremse angerechnet werden. Den Vertretern der Finanzindustrie in dem Gremium ging es aber vor allem darum, dass die Anleihen der Gesellschaft möglichst hohe Renditen abwerfen – und das wäre bei einer Staatsgarantie nicht der Fall, weil dann die Rendite in etwa auf dem Niveau von Bundesanleihen läge.
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Was erlauben Bund?

Von 5. Mai 2015 um 23:19 Uhr

Vielleicht gelingt Bill Gross gerade der Coup seines Lebens. Als der zuletzt etwas glücklose Anleihekönig vor ein paar Tagen mit der Aussage an den Markt ging, er setze auf einen Anstieg der deutschen Anleiherenditen (the short of a lifetime), hat man ihn ausgelacht. Angesichts des milliardenschweren Ankaufsprogramms der EZB prognostizieren die meisten Zinsstrategen weiter sinkende Renditen und damit steigende Kurse.

Dem Markt aber scheint das egal zu sein.
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Auf Wiedersehen, Yanis

Von 27. April 2015 um 23:54 Uhr

Ich kann mir vorstellen, dass im Bundesfinanzministerium die Sektkorken geknallt haben: Die Entmachtung von Yanis Varoufakis ist ein Sieg für die Gläubiger, die ihn schon lange aus dem Weg räumen wollten. Varoufakis bleibt zwar griechischer Finanzminister, doch in den Verhandlungen mit den Europäern werden nun andere den Ton angeben.
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Andrea Nahles definiert die Armut weg

Von 27. März 2015 um 11:16 Uhr

Andrea Nahles ist bekanntlich Sozialdemokratin und Arbeitsministerin, und als solche hat sie nun in der SZ einen beachtenswerten Vorschlag zur Bekämpfung der Armut gemacht: Sie definiert sie einfach weg. Sie hält nicht viel von der weitverbreiteten Annahme, wonach jeder, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, arm ist. Sie sagt:
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Der Preis des NEIN

Von 20. Februar 2015 um 09:09 Uhr

Wolfgang Schäuble hat also NEIN gesagt, bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen haben, und wird dafür in Deutschland von den üblichen Verdächtigen gefeiert.

Ignorieren wir für einen Augenblick, ob dieses NEIN inhaltlich gerechtfertigt ist oder nicht – ob also der Brief der Griechen tatsächliche eine Zumutung ist oder nicht.

War das NEIN taktisch klug, weil Schäuble damit – wie die Erziehungsbeauftragten der Welt meinen – endlich die einzige Sprache wählt, die die Griechen verstehen?

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Huch! Die Griechen sind ja gar nicht so schlimm

Von 18. Februar 2015 um 22:29 Uhr

Wenn man – wie es die meisten Wähler hierzulande tun dürften – sich seine Informationen über die Griechenland-Krise in den deutschen Medien holt, dann hat man sich seine Meinung wahrscheinlich schon gebildet: Die neue griechische Regierung ist ein Haufen von Rabauken, die nicht einmal ordentliche Zahlen vorlegen können und sich in Arbeitssitzungen in weltfremden ökonomischen Theorien ergehen.

So oder so ähnlich wurde über die letzten beiden Sitzungen der Eurogruppe berichtet. Nun hat die griechische Regierung die Unterlagen der Treffen veröffentlicht – und siehe da: Irgendwie klingt das gar nicht so verrückt. Kostprobe gefällig? Weiter…

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