So funktioniert Kapitalismus
Nur auf den ersten Blick waren die heutigen Zahlen für die Industrieproduktion vom September sensationell (+2,7% m/m), auf den zweiten Blick wird schnell klar, dass sie nun endlich, und auch nur teilweise, auf die Auftragseingänge reagiert haben, die bereits seit März im Aufwind sind: Deren Verlaufsrate betrug im Zeitraum Februar bis September 2009 real und saisonbereinigt nämlich nicht weniger als +34,6 Prozent, während die vergleichbare Zahl für die Produktion bei lediglich +12,0 Prozent lag. [weiter...]
Noch nie war die Versorgung der Wirtschaft Eurolands mit Liquidität so großzügig wie zur Zeit. So sollte es angesichts der tiefen Rezession, der stagnierenden Verbraucherpreise und einer Pipeline, in der noch eine Menge an Deflationspotential steckt, natürlich auch sein. Im Juni dieses Jahres hatte die EZB in einer dramatischen Aktion das Gesamtvolumen der Refinanzierungsgeschäfte von €618 Mrd. auf €896 Mrd. in die Höhe getrieben, vor allem indem sie den Banken für ein Jahr so viel Liquidität zu 1 Prozent zur Verfügung stellte wie sie haben wollten, vorausgesetzt sie konnten Sicherheiten stellen. Die Qualitätsanforderungen an diese Papiere waren aber schon im Vorfeld deutlich abgesenkt worden, damit es in dieser Hinsicht erst gar nicht zu Engpässen kommen konnte. [weiter...]
Paul Krugman hat vor ein paar Tagen in seiner New York Times-Kolumne darüber geklagt, dass Chinas schlechtes Benehmen für den Rest der Welt eine immer größere Bedrohung darstellt (”The Chinese Disconnect“). Im Ernst, er verwendet den Ausdruck “bad behavior”. Um was geht es? Wieder einmal um die zunehmend “bizarre” Strategie, den Yuan gegenüber dem Dollar stabil zu halten. China hat laut Krugman wegen der zeitweise unbegrenzten Dollarkäufe wesentlich zu der amerikanische Immobilienblase beigetragen und war daher für die globale Finanzkrise mitverantwortlich. Jetzt droht noch schlimmeres Ungemach: Weil die chinesische Regierung trotz der neuen Dollarschwäche, vor allem gegenüber dem Euro, weiterhin am bilateralen Wechselkurs von 6,83 Yuan pro Dollar festhält und die eigene Währung damit im Gleichschritt mit dem Dollar abwertet, nehme China anderen Ländern Nachfrage weg, obwohl die ohnehin überall “deeply depressed” ist. Es stiehlt anderen Ländern ihre Jobs. Amerika brauche eine schwache Währung, um endlich sein Defizit im Außenhandel abzubauen, aber China mit seinem gewaltigen Überschuss sowie Devisenreserven von $2.273 Mrd. brauche das nicht. [weiter...]
Dass die Aktienmärkte, ebenso wie die Rohstoffmärkte, weiter haussieren, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sich im Fernen Osten ein Land weitgehend von der globalen Rezession abgekoppelt hat und kräftig wächst: Chinas Beitrag zum globalen BIP beträgt zwar “nur” 8%, aber das reicht, die Exporte Deutschlands und Japans, selbst der USA, wieder in Fahrt zu bringen und die Stimmung zu verbessern. Die Rohstoffpreise werden zur Zeit fast gänzlich von Chinas Strategien dominiert. Im Übrigen halten die Notenbanken und die Finanzminister weltweit den Fuß fest auf dem Gaspedal. Die expansive Politik schlägt inzwischen sichtbar an: Im abgelaufenen dritten Quartal dürfte das globale BIP mit einer annualisierten Rate von 3 bis 4 Prozent zugenommen haben. Nach einem Rückgang um 1,1 Prozent in diesem Jahr, dem ersten Rückgang seit der Nachkriegszeit, dürfte es im nächsten wieder eine positive Zuwachsrate von 3,1 Prozent geben – sagt der Internationale Währungsfonds.
Die Kapazitätsauslastung bleibt aber global sehr niedrig, so dass vorläufig keine Inflationsgefahren drohen. Deflation ist nach wie vor ein Risiko. In China nimmt das reale BIP 2009 um vermutlich 8 1/2 Prozent zu, der BIP-Deflator, das breiteste Inflationsmaß, sinkt gleichzeitig um etwa 4 Prozent. Insgesamt dürften die Bondrenditen noch um Einiges fallen. Für den Euroraum kommt in dieser Hinsicht als positiver Faktor hinzu, dass der Dollar weiter abwerten dürfte. Der EZB wird nichts übrig bleiben als irgendwann im nächsten Jahr die Zinsen weiter zu senken – erst danach dürfte über Interventionen am Devisenmarkt nachgedacht werden.
So breit aufgestellt das Wachstum der Weltwirtschaft zur Zeit ist, so wenig ist sicher, dass es ohne wirtschaftspolitische Krücken geht. Die Kreditvergabe ist schwach, die Banken haben noch gewaltigen Abschreibungsbedarf, die Arbeitslosigkeit steigt vermutlich noch um Einiges, und in vielen Ländern hat Sparen oberste Priorität, etwa in den USA, wo Haushalte und Banken mit Überschuldung und notleidenden Assets im Gefolge der geplatzten Immobilienblase zu kämpfen haben.
Daher: Eine neue Euphorie wird es nicht geben. Rückschläge, auch große, werden sich nicht vermeiden lassen. Aber für’s Erste bleibe ich dabei, dass die Aussichten sowohl für Aktien als auch für Anleihen nicht schlecht sind.
Ausführliches zur wirtschaftlichen Lage in den USA, Euroland, Japan, China und Russland sowie den Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse in meinem neusten Investment Outlook:
Wermuth’s Investment Outlook – October 2009*) (pdf, 239 KB)
*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)
Groß hatten Liberale und Christsoziale vor der Wahl angekündigt, sie wollten auf jeden Fall die Steuern senken. Es müsse mal eine große „Steuerstrukturreform“ geben, bei der den gebeutelten Steuerzahlern endlich mehr Netto vom Brutto übrig bleiben sollte. Im Wahlkampf meinte Angela Merkel, dass niedrigere Steuersätzen – so paradox ist die Welt – zu höheren Steuereinnahmen führen würden. Wenn mehr Netto vom Brutto übrigbliebe, würde sich Leistung auch wieder lohnen, die Leute würden dann wieder mehr arbeiten, mehr verdienen und sogar mehr Steuern zahlen. Der Haushalt könnte sich dann von ganz allein konsolidieren. [weiter...]
Die Zahlen für die Auftragseingänge und die Industrieproduktion, die gestern und heute veröffentlicht wurden, bestärken unsere Sicht, dass das reale Sozialprodukt im gerade abgelaufenen dritten Quartal mit einer annualisierten Rate von rund 5 Prozent zugenommen haben dürfte. [weiter...]
Es gibt Dinge, die werde ich vermutlich nie verstehen. Ganz oben auf der Liste steht dabei das Geschäft mit CDS (Credit Default Swaps). In der aktuellen FTD erzählen uns Christine Mai, Tobias Bayer und David Oakley, dass wieder mehr solcher Kreditausfallversicherungen gekauft worden seien. Die Herren, Damen und Institutionen Anleger machten sich zunehmend Sorgen, dass Italien seine Anleihen nicht mehr bedienen könne. Aber auch Versicherungen auf einen Zahlungsausfall von Papieren des deutschen Zentralstaats würden munter gekauft und gehandelt. Brav berichten die Autoren, dass ein Hauptquell der Sorge sich aus den umfangreichen Stützungsoperationen dieser Staaten für die Banken ergebe, und weiter, dass ebensolche oder auch andere Banken mit dem Verkauf von CDS auf diese Länder den Versicherungsschutz für einen Zahlungsausfall übernähmen. [weiter...]
Im Fernsehduell um die deutsche Kanzlerschaft wollte Frank Plasberg von den beiden Kandidaten wissen, welche Note sie Deutschland in Sachen sozialer Gerechtigkeit geben würden. Die Kanzlerin wollte sich nicht festlegen – wie es so ihre Art ist. Herr Steinmeier ließ sich aber nicht lange bitten und meinte, Deutschland verdiene in Sachen sozialer Gerechtigkeit die Note zwei oder besser. Nur würde die dumme Wirtschaftskrise das Land jetzt zurückwerfen und vielleicht auf die Note drei drücken.
Klar, wenn man soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt allein am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) abliest, wäre des Kanzlerkandidaten Benotung vielleicht zutreffend. Nur muss das BIP nicht unbedingt ein guter Indikator für soziale Gerechtigkeit und noch nicht mal für wirtschaftlichen Fortschritt sein. [weiter...]
Welche Erfolgsmeldung wird uns Wahlkämpferin Angela Merkel – zwei Tage vor der Wahl – aus Pittsburgh übermitteln? Dass die G-20 die Boni der Banker begrenzen wollen. Toll. Das ist Populismus pur. Das ist ein Nebenkriegsschauplatz allererster Güte im internationalen Finanz-Kasino! [weiter...]
Wirklich? Diesmal sind die Schwellenländer an der Reihe, scheint mir. Überall wird auf Teufel komm raus Geld gedruckt, damit das System nicht kollabiert, zum großen Teil nicht zuletzt zur Finanzierung der Staatsausgaben, die inzwischen die regulären Einnahmen aus Steuern und Abgaben so stark übertreffen, wie sonst nur in Kriegszeiten. Noch nie war die Wirtschaftspolitik global so expansiv wie heute. Es ist wie nach der Implosion des Hedge Funds “Long Term Capital Management” und später nach dem Platzen der New Economy-Blase: Da systemische Risiken drohen, also ganz Schreckliches passieren könnte, wenn wir nicht aufpassen, und die Inflation bei den Verbraucherpreisen (und Löhnen!) unter Kontrolle ist – der internationalen Arbeitsteilung sei Dank -, ziehen Notenbanken und Regierungen alle Register, um die potentielle Gefahr abzuwenden. Rezessionen darf es nicht geben, also auch keine richtigen Reinigungskrisen. Zudem ist Gas geben viel einfacher als eine wirkliche Sanierung des Bankensystems, bei der womöglich große Mitspieler von der Bühne verschwinden und gut bezahlte Arbeitsplätze dauerhaft verloren gehen. Es ist diese Kombination aus expansiver Geldpolitik und niedriger Inflation, die Blasen entstehen lässt. [weiter...]