So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Autoren Archiv von Uwe Richter

Staatsschulden – eine Belastung für künftige Generationen?

Von 1. August 2015 um 16:53 Uhr

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Lange Zeit hörte man aus der Wissenschaft Warnungen vor der zu hohen Staatsverschuldung, was sich schließlich auch in der Politik niederschlug: 2009 wurde die Schuldenbremse im Grundgesetz verankert.

Mittlerweile scheint sich das Blatt zu wenden. Nachdem im April eine Arbeitsgruppe um Marcel Fratzscher in ihrem Bericht "Stärkung von Investitionen in Deutschland" vor dem massiven Investitionsstau bei der Infrastruktur gewarnt hatte, haben sich Experten mit ganz unterschiedlichen Ausgangsmeinungen – wie beispielsweise Lars P. Feld und Wolfgang Streeck – auf einen Bericht zu den Staatsschulden geeinigt, der die Angelegenheit sehr differenziert betrachtet. Der Sprecher der Arbeitsgruppe, Carl-Ludwig Holtfrerich, hat diese Analyse in der August-Ausgabe des Wirtschaftsdienst zusammengefasst.

Er weist darauf hin, dass die geringen staatlichen Investitionen angesichts des riesigen Sparaufkommens in Deutschland die niedrigen Zinsen mitverursacht haben und langfristig zu Wachstumsverlusten und sinkender Produktivität führen können. Die Beurteilung dessen, ob Staatsverschuldung positiv oder negativ wirkt, hängt entsprechend nicht davon ab, ob sie hoch oder niedrig ist, sondern davon, wofür die öffentlichen Kredite ausgegeben werden. Investitionen in materielle und vor allem auch immaterielle Infrastruktur wie Rechtssicherheit, Bildungssystem und effiziente Verwaltungsstrukturen nützen künftigen Generationen und schaden ihnen keineswegs.

Was ist aber von der Messgröße "Staatsschuldenquote" zu halten? Holtfrerich schreibt, dass die historische Erfahrung dagegen spricht, immer auf den Zähler in dieser Größe – die Staatsschulden – zu starren. Vielmehr kommt es auf die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes – den Nenner – an. Bei hohen Wachstumsraten ist die Quote immer gesunken! Der langfristigen Entwicklung liegt das Verhältnis von Realzins und Wachstumsrate zugrunde. Übersteigt die Wachstumsrate den Realzins, gibt es keinen Grund, die öffentliche Kreditaufnahme zu reduzieren.

Derzeit liegt das Wachstum über den Zinsen. Ob das allerdings so bleibt, war in der Arbeitsgruppe umstritten. Carl Christian von Weizsäcker meinte, dass die weltweit enorm gewachsenen Ersparnisse nicht allein von privaten Investoren absorbiert werden können. Wenn der Staat nicht einspringt, werden die Zinsen langfristig niedrig bleiben. Lars Feld und andere vertraten die Auffassung, dass die Zinsen langfristig nicht auf diesem niedrigen Niveau bleiben werden.

Was auch immer man über die Schuldenbremse denken mag, Holtfrerich hält es zumindest für verfehlt, ein Schuldenverbot in die Verfassung eines Zentralstaats zu schreiben. Im Übrigen glaubt er, dass es im Euroraum nur dann vertretbar ist, wenn "… es eine europäische Regierung und ein EU-Parlament mit eigenen steuer- und ausgabenpolitischen Rechten gäbe …".

Carl-Ludwig Holtfrerich: Staatsschulden: Ursachen, Wirkungen und Grenzen, in: Wirtschaftsdienst 8/2015, S. 529-533

Erbschaftsteuer: eine schlummernde Reichensteuer?

Von 5. Juli 2015 um 13:59 Uhr

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Die Besteuerung von Erbschaften ist ein sensibles Gebiet. Steuerfachleute halten sie für eine verträgliche Variante der Reichenbesteuerung, in der breiten Öffentlichkeit ist sie aber unpopulär. Dabei ist das Einnahmenpotenzial angesichts der starken Vermögenskonzentration und der anrollenden Erbschaftswelle beträchtlich. Besteuert wird davon bisher aber nur ein unbedeutender Teil. Dies ist auch in den anderen OECD-Ländern nicht anders. Weiter…

Niederlande – ein Vorbild für Deutschland?

Von 9. Juni 2015 um 17:38 Uhr

"Wirtschaftsdienst exklusiv im Herdentrieb", das ist unsere heutige Meldung in eigener Sache. Im Herdentrieb wird es ab sofort exklusiv einen Artikel aus dem jeweils aktuellen Wirtschaftsdienst zu lesen geben. Der Wirtschaftsdienst, eine der traditionsreichsten ökonomischen Fachzeitschriften Deutschlands, passt mit seinen kontroversen Kommentaren und Debattenbeiträgen ausgezeichnet zum Anliegen dieses Blogs, differenziert den Kapitalismus zu ergründen. Wir wünschen unseren interessierten Lesern eine anregende Lektüre.

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Die Niederlande haben schon lange vor Deutschland auf Lohnzurückhaltung gesetzt. Das reale niederländische Bruttoeinkommen von Arbeitnehmern ist dabei seit 1977 so wenig gestiegen, dass es einer Stagnation gleichkommt. Welche Folgen hatte das für Produktivität und Innovationen? Wie die Wissenschaft erwartet, nahm die Beschäftigung modellgerecht deutlich zu. Allerdings konnte das Produktionswachstum nicht in gleichem Tempo mithalten. Die Arbeitsproduktivität wuchs entsprechend deutlich langsamer – übrigens auch im Vergleich zu den anderen Ländern der Europäischen Union.

Was aber kann Deutschland daraus lernen, das sich selbst seit einiger Zeit in Lohnzurückhaltung übt? Das deutsche Wirtschaftsmodell hat immer auf Loyalität, Vertrauen und Beständigkeit gesetzt. Deshalb werden die deutschen Produkte auch weltweit geschätzt. "Made in Germany" ist ein Markenzeichen. Dieses Modell ist in Gefahr. Lohnzurückhaltung hat mittlerweile auch in Deutschland zu einem langsameren Produktivitätswachstum geführt. Aber vor allem eine Lockerung des Kündigungsschutzes könnte das deutsche Modell ins Wanken bringen. Die Anhänger effizienter Allokation bevorzugen das angelsächsische Ideal umfassender Flexibilität. Das nützt aber nur in statischer Perspektive. Eine dynamische Wirtschaft mit großer Innovationsbereitschaft sollte die Arbeitnehmerbindung an den Betrieb nutzen, finden Alfred und Robert Kleinknecht in ihrem Artikel in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst.

EZB auf einem gefährlichen Pfad – Eine Replik von Hans-Werner Sinn

Von 13. November 2014 um 11:32 Uhr

Mark Schieritz hat am Dienstag hier im HERDENTRIEB argumentiert, dass die Aufregung über den Ankauf von sogenannten Asset Backed Securities (ABS) durch die Europäische Zentralbank übertrieben ist. Der Präsident der Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, erklärt in einer Replik, warum die EZB aus seiner Sicht einen gefährlichen Weg beschreitet.

Hier die Replik von Hans-Werner Sinn: Weiter…

Kategorien: Gastkommentar

Klarheit über Target-Salden – Ein offener Brief von Hans-Werner Sinn

Von 10. Februar 2012 um 22:51 Uhr

Von Anfang an haben wir im HERDENTRIEB die Target-Debatte ausführlich und kritisch begleitet. Nun äußert sich mit Hans-Werner Sinn ihr geistiger Vater hier im Blog. Er nimmt Mark Schieritz gestrigen Beitrag ("Hatte Hans-Werner Sinn doch recht?") zum Anlass auch unseren Lesern den vertrackten Sachverhalt "noch einmal klar zu legen". Für die offene Debatte möchten wir Ihm ausdrücklich danken.

Hier also der Brief von Hans-Werner Sinn: Weiter…

Kategorien: Gastkommentar

Publizistik-Preis für von Heusinger und Schieritz

Von 30. Januar 2012 um 15:45 Uhr

Wer hätte das gedacht? Gleich zwei Hirten des HERDENTRIEBs erhalten heute Abend in Berlin einen Publizistikpreis. Nein, keinen von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, wo das Wort Herdentrieb gar nicht bekannt sein dürfte. Und auch nicht den Klassiker der deutschen Ordnungspolitik, den Ludwig-Erhard-Preis. Sondern den mit 1000 Euro dotierten Preis für Publizistik der Keynes-Gesellschaft!

Die Keynes-Gesellschaft, die das wissenschaftliche Erbe des großen britischen Ökonomen in Ehren und im aktuellen wirtschaftspolitischen Diskurs lebendig halten möchte, vergibt den Keynes-Preis erstmals und er geht für das Jahr 2010 an Robert von Heusinger und das Jahr 2011 an Mark Schieritz. Zur Begründung heißt es dann auch, dass die Preisträger "in zahlreichen Artikeln die Grundeinsicht von Keynes von der Bedeutung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dort, wo sie relevant war, in ihre Überlegungen ernsthaft einbezogen [haben]."

Da bleibt uns nur noch zu sagen: Endlich ist es raus! In diesem Blog schreiben Keynesianer!

Herzlichen Glückwunsch den zwei Hirten und auf eine schöne Feier.

Kategorien: In eigener Sache

So haben wir gerechnet – Eine Replik

Von 1. März 2011 um 18:22 Uhr

Seit Freitag kritisieren und debattieren die Hirten sowie Kommentatoren des Blogs den Aufruf und die Rechenkünste der 189 deutschen Professoren. Jetzt melden diese sich zu Wort. Der Verfasser des Aufrufs, Bernd Lucke, verteidigt seine Rechnung und wirft dem Hirten Mark Schieritz vor, ungenau gerechnet zu haben. Der HERDENTRIEB hat Bernd Lucke gebeten, seine Replik hier nochmals ausführlich in einem Gastkommentar darzulegen. Weiter…

Kategorien: Gastkommentar

Die Lage wird ungemütlicher

Von 24. Juli 2008 um 22:05 Uhr

Ifo Geschäftsklima - Juli 2008

Wird sich das Wachstum der deutschen Wirtschaft nur vorübergehend abschwächen oder steuern wir auf eine Rezession zu? Die Stimmung der Unternehmen in Deutschland, wie sie im Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo Instituts zum Ausdruck kommt, spiegelt seit dem Ausbruch der Finanzkrise im letzten August die Gespaltenheit der Konjunkturexperten wieder. Während die aktuelle Lage immer noch vergleichsweise positiv beurteilt wurde, hatten sich die Erwartungen der Unternehmen Monat für Monat verschlechtert. Nach den Zahlen, die das Ifo Institut am Donnerstag veröffentlicht hat, wurden diese Erwartungen leider nicht enttäuscht, denn die Unternehmen schätzen ihre aktuelle Lage jetzt deutlich schlechter ein als noch vor zwei Monaten (gegenüber Mai ist dieser Index um 4,3 Punkte eingebrochen). Und die Erwartungen trüben sich noch weiter ein. Hier liegt der Index jetzt bei 90 Punkten so niedrig wie zuletzt vor gut fünf Jahren. Damals war Deutschland in der Rezession.
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Kategorien: Der aktuelle Rand

Die EZB wird die Zinsen erhöhen

Von 5. Juni 2008 um 23:35 Uhr

Die monatliche Pressekonferenz, die der Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet im Anschluss an die Sitzung des EZB Rats am Donnerstag hielt, ließ nichts besonderes erwarten. So wurde der Leitzins dann auch bei 4 Prozent belassen. Und in seinem Statement wies Trichet wie üblich auf die Inflationsrisiken hin, erklärte, dass das Wachstum in Euroland zwar nachlässt, aber die Fundamentaldaten "sound" also gesund sind und es nicht zu Zweitrundeneffekten kommen darf. Die Überraschung brachte das anschließende Frage und Antwort Spiel mit den Journalisten. Auf die Frage, was er mit dem Ausdruck "heightened alertness" signalisieren wolle, den er mehrfach gebraucht hatte, ließ Trichet die Katze aus dem Sack. Es habe ein Diskussion im Rat gegeben mit unterschiedlichen Einschätzungen und eine Anzahl der Mitglieder habe für eine Zinserhöhung argumentiert. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass man sich demnächst für eine kleine Anhebung entscheiden wird. Ob dies schon im Juli der Fall sei, dem widersprach Trichet nicht ausdrücklich und deutete ein Anhebung um 25 Basispunkte an. Die Sensation war perfekt. Auch wenn er mehrfach wiederholte: "It is not certain, it is possible", scheint der nächste Zinsschritt der EZB so gut wie sicher und er wird nach oben gehen. Es bleibt allein die Frage, was treibt die Damen und Herren im EZB Rat?
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Kategorien: Leitwährungswatch

Arbeitsmarktdaten bringen Zinssenkung

Von 7. September 2007 um 18:27 Uhr

US Arbeitsmarkt 0708

Die eben veröffentlichten Zahlen zum US Arbeitmarkt haben für eine allgemeine Überraschung gesorgt. Während die Mehrheit der Analysten mit einem Anstieg um 100 Tsd. gerechnet hatten, ist die Zahl der abhängig Beschäftigten nach den vorläufigen Angaben des Bureau of Labor Statistics im August saisonbereinigt um 4000 gegenüber dem Vormonat gefallen. Eine Zinssenkung der US Notenbank Fed dürfte damit unmittelbar bevor stehen.
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Kategorien: Der aktuelle Rand