So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog
Kategorie:

Leitwährungswatch

Die EZB macht sich ein Bilanzziel

Von 4. Dezember 2014 um 23:00 Uhr

Ich habe vor einem Monat an dieser Stelle auf den Unterschied zwischen einer normativen und einer positiven Aussage in Bezug auf die EZB hingewiesen. Dieser Donnerstag hat gezeigt, wie wichtig dieser Hinweis war.

Mario Draghi hat den Nachmittag genutzt, um eine positive Aussage teilweise in eine normative zu verwandeln – und er hat dabei wichtige Verbündete verloren. Wie ich höre hat der Zentralbankrat einen großen Teil seiner Sitzung darauf verwendet, über das Verb in der entsprechende Passage im Eingangsstatement zu verhandeln.

Taken together, our measures will have a sizeable impact on our balance sheet, which is intended to move towards the dimensions it had at the beginning of 2012.

Während im Vormonat nur davon die Rede war, die EZB habe die Erwartung (expect), dass sich die Bilanz in diese Richtung bewege, so heißt es nun, sie beabsichtige (intend), diese Größe zu erreichen. Nach meinen Informationen haben allein aus dem Direktorium der EZB Yves Mersch, Sabine Lautenschläger und Benoit Coeure gegen diese Formulierung gestimmt.

Es wird also einsamer um Mario Draghi – und für mich ist die entscheidende Botschaft des heutigen Tages, dass er dennoch entschlossen ist, die Sache durchzuziehen, wenn sich die ökonomischen Daten entsprechend entwickeln. Ich glaube auch, dass er es politisch riskieren kann.

Denn ein moderates QE-Programm wird zwar bei der FAZ, der Welt und der Bild für große Aufregung sorgen, aber ansonsten dürften die Reaktionen in Deutschland durchaus kontrollierbar bleiben – vor allem wenn Jens Weidmann darauf verzichtet, den Konflikt zu eskalieren (dass er dagegen ist, ist eingepreist). In diesem Fall wird auch die Bundesregierung sich ruhig verhalten und wahrscheinlich auf eine Verurteilung des Programms verzichten – was medial als eine indirekte Tolerierung interpretiert werden würde.

Vor einem Monat überschrieb ich meinen Beitrag mit dem Satz Warum die EZB immer noch kein Bilanzziel hat. Jeztz ist sie einem solchen Ziel einen ganzen Schritt näher gekommen.

Entscheidend werden nun also die Daten sein. Es ist gut möglich, dass QE noch vermieden wird, wenn der Ölpreis und die Abwertung des Euro sich früh genug darin niederschlagen. Wenn nicht, wird ein Ankaufprogramm kommen.

Die Mär von der EZB als Bad Bank

Von 11. November 2014 um 10:39 Uhr

Die halbe Republik scheint sich einig zu sein: Indem sie nun Asset Backed Securities (ABS) kauft, mutiert die Europäische Zentralbank zur Mülldeponie für Bilanzschrott. “Die EZB wird damit vollends zu einer Bail-out-Behörde und einer Bad Bank Europas“, formuliert Hans-Werner Sinn, Jürgen Stark jammert, die Notenbank nehme “unkalkulierbare Risiken” auf ihre Bilanz, und Bernd Lucke von der AfD empört sich, diese Papiere hätten “die Finanzkrise ausgelöst”.

Haben sie nicht. Und auch sonst liegen die Kritiker – wie schon bei ihrer Vorhersage einer drohenden Inflation – schwer daneben. Die Finanzkrise ausgelöst haben wenn überhaupt dann amerikanische ABS, weil dort Schrotthypotheken verbrieft wurden. In Europa war das nicht der Fall. Deshalb sind die Ausfallraten – Yves Mersch hat daran erinnert – auf dieser Seite des Atlantiks erheblich niedriger, wie auch diese Tabelle von Fitch zeigt. Weiter…

Kategorien: Leitwährungswatch

Warum die EZB immer noch kein Bilanzziel hat

Von 6. November 2014 um 18:53 Uhr

In der formalen Logik unterscheidet man zwischen einer positiven und einer normativen Aussage. Eine positive Aussage beschreibt einen Vorgang, eine normative bewertet ihn. Aus meiner Sicht berührt diese Unterscheidung den Kern der heutigen Sitzung der EZB.

Im zweiten Absatz des Einführungsstatements steht der folgende Satz:

Together with the series of targeted longer-term refinancing operations to be conducted until June 2016, these asset purchases will have a sizeable impact on our balance sheet, which is expected to move towards the dimensions it had at the beginning of 2012.

Draghi hat betont, dass der gesamte Governing Council hinter dieser Aussage steht. Die meisten Marktteilnehmer haben daraus abgeleitet, dass der GC ein Bilanzziel für die EZB abgesegnet hat. Das wäre ein großer Erfolg für Draghi und es würde bedeuteten, dass es mit einem gewissen Automatismus zu Quantitative Easing kommt, wenn das Ziel – wie wiederum der Markt erwartet – nicht erreicht wird mit den bisherigen Maßnahmen.

Ich halte diese Interpretation für nicht korrekt. Der Satz gibt lediglich wieder, die allgemeine Erwartung sei, dass sich die Bilanz der EZB in der entsprechenden Weise entwickle. Er sagt nicht, was passieren wird, wenn diese Erwartung sich nicht erfüllt. Konkret: Wenn die Bilanz die Zielgröße nicht erreicht.

Zwar heißt es an anderer Stelle:

Should it become necessary to further address risks of too prolonged a period of low inflation, the Governing Council is unanimous in its commitment to using additional unconventional instruments within its mandate.

Aber zwischen dieser Aussage und dem Bilanzziel gibt es keine klare Verbindung: Es ist keineswegs klar, dass eine Verfehlung des Bilanzziels schon eine hinreichende Voraussetzung für neue Maßnahmen ist.

Mit anderen Worten: Die Aussage, Draghi habe den GC auf ein Bilanzziel eingeschworen, erscheint mit falsch. Ich denke, die Formulierung versucht zu kaschieren, dass es eben keine Einigkeit gibt, wie man mit der Bilanz umgeht. Das ist unter Kommunikationsgesichtspunkten nicht unklug, aber ich denke wenn sich die ersten nationalen Gouverneure äußern, wird die Fassade zerbröseln.

Wer soll die Banken beaufsichtigen?

Von 30. Oktober 2014 um 22:28 Uhr

Ich war heute auf einer sehr interessanten Konferenz des Financial Risk and Stability Networks zur Bankenunion in Berlin. Es ging dort unter anderem um die Frage möglicher Interessenkonflikte zwischen Geldpolitik und Bankenaufsicht und der institutionellen Konsequenzen daraus.

Die Existenz von Zielkonflikten wurde von niemandem geleugnet – aber was das Institutionelle angeht hat Jeromin Zettelmeyer aus dem Wirtschaftsministerium einen wichtigen und mir neuen Punkt gemacht. Weiter…

Wohlstand durch Geld drucken

Von 30. September 2014 um 21:54 Uhr

In Deutschland wird Mario Draghi keine Freunde mehr gewinnen. Die EZB will ihre Bilanzsumme ausweiten und für die meisten deutschen Ökonomen und Politiker ist klar: Das wird bitter enden und die Zeche zahlen am Ende die Sparer, deren Enteignung fortschreitet.

Komisch nur, was gerade in den USA passiert. Weiter…

Draghis Geheimwaffe

Von 26. September 2014 um 14:44 Uhr

Mario Draghi hat es derzeit bekanntlich nicht leicht: Er will die Bilanzsumme der EZB unter anderem durch den Ankauf von ABS-Papieren und neue Hilfskredite für die Banken deutlich ausweiten, aber das gelingt nicht so richtig, weil die Banken das Geld nicht wollen und die EU-Staaten keine Ausfallgarantien für die Papiere abgeben wollen. Deshalb deutet vieles darauf hin, dass die EZB ihre Bilanzziele nicht erreicht – es sei denn, sie kauft Staatsanleihen auf, was zu einem Aufstand in Deutschland führen dürfte. Finanzminister Wolfgang Schäuble hat Draghi bereits zu verstehen gegeben, was er von dessen Plänen hält: Man könnte es mit eher wenig ganz gut umschreiben.

Warum also wirkt Draghi im Moment eigentlich ganz entspannt? Weiter…

US-Arbeitslosenquote kein guter Indikator für Inflationsgefahren

Von 28. August 2014 um 21:42 Uhr

Wann erhöht die Fed die Zinsen? Sie liegen seit Dezember 2008 bei knapp über Null, also seit fast sechs Jahren. Das war wieder einmal das Hauptthema der Jackson Hole-Konferenz der Zentralbanker in Wyoming. Ursprünglich sollte es zur Zinswende kommen, sobald die Arbeitslosenquote auf etwa 6,5 Prozent gefallen war. Jetzt hat sie 6,2 Prozent erreicht – seit dem zyklischen Hoch von 10 Prozent Ende 2009 befindet sie sich im Abwärtstrend -, aber es gibt keine Anzeichen, dass die Löhne rascher steigen und eine neue Lohn-Preis-Spirale ins Haus steht. Die Stundenlöhne nehmen seit Jahren stetig mit Raten von rund zwei Prozent zu und haben nicht im Geringsten auf den rapiden Rückgang der Arbeitslosenquote reagiert. Real bewegen sich die Zuwachsraten in der Nachbarschaft von Null.
Weiter…

Bundesbank und EZB überschätzen Inflation

Von 14. Juni 2014 um 14:55 Uhr

Die Bundesbank hat ihre halbjährliche Prognose vorgelegt. Danach wird sich der Anstieg der Verbraucherpreise, “gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) von 1,1% in diesem Jahr auf 1,5% im kommenden Jahr und dann weiter auf 1,9% im Jahr 2016 verstärken”, ohne die Preise für Energie bis 2016 sogar auf mehr als 2 Prozent. Warum steigt die Inflationsrate aus Sicht der Bundesbank? Es wird nur ein einziger Kostenfaktor genannt: höhere Lohnsteigerungen wegen Verknappungen am Arbeitsmarkt. Der feste Euro, die Deflationstendenzen in den peripheren Ländern des Euroraums oder unterausgelastete Kapazitäten werden nicht für erwähnenswert gehalten. Das hätte vermutlich nicht ins Bild steigender Inflationsraten gepasst.
Weiter…

Kategorien: Leitwährungswatch

Inflationsrate nähert sich wieder der Null

Von 4. Juni 2014 um 07:49 Uhr

Es geht weiter in Richtung Deflation. Die Verbraucherpreise Euro-Lands waren im Mai nur noch um 0,5 Prozent höher als ein Jahr zuvor, in Deutschland waren es 0,6 Prozent (jeweils gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex). Die EZB gerät zusehends in Panik und dürfte daher am Donnerstag ein ganzes Bündel von expansiven Maßnahmen verkünden mit dem Ziel, Unternehmen und Haushalte dazu zu bewegen, mehr Schulden zu machen und mit dem geliehenen Geld ihre Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen so zu steigern, dass die Inflationsraten wieder anziehen.
Weiter…

Der EZB fehlt ein Ausstiegsszenario

Von 27. Mai 2014 um 17:48 Uhr

Ich frage mich, ob wir uns damit abfinden müssen, dass die Zinsen für viele Jahre auf dem jetzigen Niveau verharren werden. Das wäre so etwas wie das japanische Modell für Euro-Land. Was machen dann nur die Sparer, und müssen eines Tages auch die Versicherungen vom Steuerzahler gerettet werden, weil sie ihre Renditeversprechen nicht einhalten können?

Die Fragen müssen Ernst genommen und ein kritischer Blick auf die Politik der EZB geworfen werden. Weiter…

Kategorien: Leitwährungswatch