Blechlastiges Abenteuer

Im Jahr 1965 nahm Charles Mingus ein launisches Livealbum an der Universität von Los Angeles auf - er schimpfte und lobte, scherzte und schwatzte. Nun ist das Konzert auf CD erschienen.

Charles Mingus At UCLA Monterey 1965

Im Jahr 1965 hatte Charles Mingus mit seinem Oktett fleißig komponiert und Stücke – teilweise über das Telefon – einstudiert. Sie sollten beim Monterey-Jazzfestival erstmals aufgeführt werden. Doch Mingus wurde nicht eingeladen. Kurze Zeit später traten die Musiker trotzig im Auditorium der Universität von Kalifornien (UCLA) auf. Mingus ließ das Konzert mitschneiden und als Doppel-LP in einer Auflage von 200 Stück für den eigenen Versandhandel pressen. Die gingen schnell weg; danach war die Aufnahme nicht mehr erhältlich.

Nun gibt es das Konzert auf einer Doppel-CD, Charles Mingus At UCLA. Eigentlich war es kein Konzert, es war ein Workshop, eine Performance, ein Happening. Man erlebt Mingus in Aktion: seine Ansprachen ans Publikum, die spontanen Anfeuerungsrufe an die Band und seine witzigen Zurechtweisungen der Musiker. Nachdem die Band mehrmals falsch eingesetzt hat, schickt er vier Musiker hinter die Bühne und legt in Quartett-Besetzung eine wilde Hommage an die Gründerväter des Bebops hin, Ode to Bird and Dizzy, eine Ode an Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Danach bittet er die vier Blechbläser – Jimmy Owens (Flügelhorn), Hobart Dotson (Trompete), Julius Watkins (Waldhorn) und Howard Johnson (Tuba) – zurück auf die Bühne.

Charles Mingus At UCLA vermittelt einen Eindruck sowohl von der Zerbrechlichkeit von Mingus’ abenteuerlichen Kompositionen als auch von der Kraft des Jazz und improvisierter Musik allgemein. Neben den vier Blechbläsern stehen der Trompeter Lonnie Hillyer, der Altsaxophonist Charles McPherson und der Schlagzeuger Dannie Richmond auf der Bühne, Mingus selbst spielt mal Klavier, mal Kontrabass. Diese eigentümlich blechlastige und etwas jazzfremde Besetzung lässt die Musik bei aller Schwere der Themen leicht schweben. In They Trespass The Land Of The Sacred Sioux beschwört Mingus das traurige Los der Sioux-Indianer, in Don’t Let It Happen Here zitiert er den NS-Widerstandskämpfer Pastor Martin Niemöller. Dazwischen gibt es, wie damals bei Mingus üblich, mit Muskrat Ramble einen kurzen Ausflug zu den Ursprüngen des Jazz, zum Dixieland.

Trotz der oft schlechten Aufnahmequalität und manch anstrengender Passage entfaltet das Album einen Zauber, schon beim Auftaktstück Meditation On Inner Peace. Mingus lässt seinen Bass wie ein Cello singen, während Tuba und Schlagzeug den ruhigen, gleichförmigen Takt vorgeben. Improvisation schiebt sich über Improvisation, bis zum großen chaotischen Finale.

„At UCLA“ von Charles Mingus ist erschienen bei Emarcy/Universal.

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Transatlantische Ménage

„Jazz in Paris: The 100’s Most Beautiful Melodies“ fasst sechs Jahrzehnte franko-amerikanischer Musik auf fünf CDs zusammen.

Jazz In Paris

Dass das pulsierende New York das romantische Paris nach dem Zweiten Weltkrieg als Kunst- und Kulturhauptstadt der Welt ablösen würde, hatte sich das in einem Bereich schon lange abgezeichnet, nämlich im Klang der Moderne: dem Jazz. Ernest Hemingway und Man Ray, Aaron Copland und George Gershwin kamen in den zwanziger und dreißiger Jahren noch, um sich von Paris’ künstlerischer Atmosphäre anstecken zu lassen und von der alten Welt zu lernen. Amerikanische Jazz-Musiker traten da in Frankreich bereits als Botschafter des modernen Klangs auf.

Die Musik aus der neuen Welt wurde in Paris begeistert aufgenommen, die Debatte zwischen Anhängern des traditionellen Hot Jazz und des revolutionären Bebop leidenschaftlich geführt. Paris war der europäische Jazz-Brückenkopf. Die Jazzer galten als Künstler, nicht als Unterhalter. Schwarze Musiker konnten hier etwas angenehmer leben. Mancher – wie der Schlagzeuger Kenny Clarke – siedelte gleich für immer über. Es ist kein Zufall, dass einer der besten Jazz-Spielfilme, Bertrand Taverniers ’Round Midnight aus dem Jahr 1986, an der Seine spielt.

Um das franko-amerikanische Jazz-Erbe machen sich seit einiger Zeit das Label Emarcy und der Zigarettenhersteller Gitanes verdient. In der Reihe Jazz in Paris sind in den letzten Jahren über einhundert CDs erschienen. Sie dokumentieren in hervorragender Klangqualität einerseits Konzerte und Studioeinspielungen amerikanischer Solisten und Gruppen auf der Durchreise. Andererseits erinnern sie an französische Jazzmusiker wie Django Reinhardt (Gitarre), Stéphane Grappelli (Violine), René Urtreger (Piano) oder Pierre Michelot (Kontrabass).

Im Jahr 2005 erschien eine opulent ausgestattete, thematisch und chronologisch sortierte Sammlung aus vier Boxen mit insgesamt zwölf CDs. Jazz In Paris: The 100’s Most Beautiful Melodies ist nun die Sparversion dieses Samplers, erhältlich für unter dreißig Euro. Fünf CDs sind drin, von dem kitschigen Untertitel sollte man sich nicht abschrecken lassen.

Das Begleitbüchlein zur CD ist dünn ausgefallen, die abgedruckten Fotos zeigen Klischees, und die Reihenfolge der Stücke erscheint wahllos. Musikalisch ist die Zusammenstellung jedoch gelungen, sie vermittelt einen Eindruck der Vielseitigkeit und der Atmosphäre der transatlantischen Musik-ménage, die in den fünfziger Jahren ihren Höhepunkt erlebte. Jazz klang damals noch eine Spur rätselhafter und wehmütiger.

Neben bekannteren Aufnahmen von Miles Davis (ein Ausschnitt aus der Filmmusik zu Fahrstuhl zum Schafott von Louis Malle), Louis Armstrong oder Dizzy Gillespie findet man Seltengehörtes. Art Blakeys Jazz Messengers verneigten sich im Jahr 1958 mit dem coolen Des femmes disparaissent vor der französischen Hauptsstadt. Daneben funkeln Juwelen französischer Jazzer, die sich neugierig in die neuen Klang- und Rhythmuswelten stürzten.

Die 5-CD-Box „Jazz In Paris: The 100’s Most Beautiful Melodies“ ist erschienen bei Emarcy/Verve.

Bei über einhundert Stücken aus sechs Jahrzehnten ist es unmöglich, ein typisches Klangbeispiel zu finden. Daher bekommen Sie hier das traurigste zu hören. Der Tenorsaxofonist Lester Young spielt im März 1959 mit einer französisch-amerikanischen Kombo „I Can’t Get Started“ ein. Es war Youngs letzter Parisbesuch. Kurz nach seiner Rückkehr starb er in New York.

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Das Jazz-Gen

Mit „Back East“ kehrt der Saxofonist Joshua Redman zu seinen Anfängen zurück. In kleiner Besetzung mit Bass und Schlagzeug swingt er dabei fast zu perfekt

Joshua Redman Back East

Joshua Redman trägt es in sich, das Jazz-Gen. Warum wäre er sonst Musiker geworden? Sein Vater, der in den Sechzigern an der Seite Ornette Colemans als Free-Jazzer bekannt gewordene Saxofonist Dewey Redman, war wenig erpicht darauf, den Sohn in seine Fußstapfen treten zu sehen. Brav schloss Joshua Redman sein sozialwissenschaftliches Studium an der Elite-Universität Harvard ab – mit Auszeichnung! – und erhielt einen Platz an der Yale Law School. Seine Karriere als Jurist hätte beginnen können.

Doch das Jazz-Gen setzte sich durch. Redman ließ sein Studium ruhen. Er gewann einen renommierten Nachwuchswettbewerb und spielte sich – unter anderem als Sideman seines Vaters – quer durch New York. Im Jahr 1993 veröffentlichte er sein Debütalbum; da war er 24. Fortan spielte er mit etlichen der Musiker, die im zeitgenössischen Jazz Rang und Namen hatten. Gelegentlich trat er auch mit Größen der klassischen Musik auf, so mit dem Cellisten Yo Yo Ma und dem Dirigenten Sir Simon Rattle.

Redman – inzwischen 38 – hat viel um die Ohren. Er war in Robert Altmans Film Kansas City zu sehen, tritt in Fernsehshows auf, schreibt Filmmusiken. Seit dem Jahr 2000 ist er künstlerischer Leiter bei San Francisco Jazz, einer Initiative, die den Jazz an der amerikanischen Westküste fördert. Auf seinem jüngsten Album Back East kehrt er zu seinen Anfängen zurück, geografisch wie musikalisch. In New York nahm er das Album im Trio mit Schlagzeug und Kontrabass auf. Das ist die kleinste Form für einen Saxofonisten.

Als er begann, Musik zu machen, konnte sich kaum ein Veranstalter mehr als drei Musiker leisten. Sonny Rollins hatte in dieser Besetzung im Jahr 1957 seine Platte Way Out West eingespielt. Joshua Redman – abwechselnd begleitet an Bass und Schlagzeug von Christian McBride/Brian Blade, Larry Grenadier/Ali Jackson und Reuben Rogers/Eric Harland – hat Back East als Vexierbild dieses fünfzig Jahre alten Vorläufers angelegt.

Die Band spielt präzise arrangierten, quirligen Jazz, der trotz Redmans eher geschmeidigem Saxofon-Ton mit viel Energie und Swing daherkommt. Die Aufnahmetechnik ist perfekt, stellenweise macht sie den Klang zu glatt. Ein Schuss Rauheit hätte den Stücken gut getan.

Back East ist mehr als eine Hommage an Sonny Rollins. Redman weist in Richtung Osten, Indian Song von Wayne Shorter sowie seine eigenen Kompositionen Mantra #5 und Indonesia bestechen durch ihre Melancholie und die orientalisch angehauchten Rhythmen. Die Höhepunkte des Albums sind die Gastauftritte anderer Saxofonisten. Mit dem virtuosen Joe Lovano spielt Redman ein kühles Duett, mit seinem Vater Dewey Redman liefert er sich in John Coltranes Komposition India eine wahre Saxofonschlacht. Bei der emotionalen Ballade GJ übernimmt der Senior ganz – Back East klingt mit seinen Tönen aus.

Dewey Redman starb am 2. September 2006 in Brooklyn, drei Monate nach der Aufnahme. GJ hatte er seinem Enkelsohn gewidmet. Ob auch der das Jazz-Gen in sich trägt?

„Back East“ von Joshua Redman ist erschienen bei Nonesuch/Warner Music

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Stimmungskekse

Die Kaiser Chiefs aus Leeds spalten die Gemüter. Aber auch ihr zweites Album „Yours Truly, Angry Mob“ steckt voller Hits

Kaiser Chiefs

Die fünf Kaiser Chiefs kennen sich seit ihrer Schulzeit. Zehn Jahre lang waren sie als Musiker glücklos, schlugen sich mit anderer Arbeit durch. Aber sie glaubten an sich. Der Durchbruch kam im Jahr 2005. Seitdem haftet ihnen der unbedingte Erfolgswille als Makel an.

Im Kollegenkreis sind sie unbeliebt. Die Arctic Monkeys verbitten sich unter Androhung des sofortigen Ausstiegs aus dem Musikbusiness jeden Vergleich mit den Kaiser Chiefs: „Sie gehen einem auf den Keks“, befindet ihr Sänger Alex Turner. Für Liam Gallagher von Oasis sind sie „schlechte Blur“ mit einem Faible für Make-up. Sie nehmen es gelassen. Sänger Ricky Wilson erzählte kürzlich in einem Interview, er sei Gallagher zufällig begegnet und habe sich „am Ende fast entschuldigt: Tut mir leid, dass wir scheiße sind!“

In einem Geschäft, in dem die meisten Kollegen den Mund gar nicht weit genug aufreißen können, treten die Kaiser Chiefs kleinkotzig auf. Daheim im Pub erkennen selbst Fans sie nur, wenn sie als Gruppe in ihrer Band-Kleidung unterwegs sind. Und das, obwohl sich ihr erstes Album Employment bislang fast drei Millionen Mal verkaufte.

Ihr zweites Album Yours Truly, Angry Mob wird die Häme nicht verstummen lassen. Die Fünf machen einfach gestrickte, kraftvolle Lieder, verquer gesungene Texte zu treffend beobachteten, englischen Alltäglichkeiten, eingespielt mit mächtigen Gitarrenklängen, tönendem Falsetto-Hintergrund-Gesang und einer unbekümmerten Energie. Die Stimmung steckt an, ob man will oder nicht.

Etliche Hits sind dabei – ob das frischverliebte Ruby, mit dem die BBC vor einigen Tagen ihre Fußballsendung Match of the Day untermalte, die rotzig-selbstironische Hymne Highroyds oder die traurige Upbeat-Nummer Heat Dies Down. Die Kaiser Chiefs sind keine Neuerer und keine Revolutionäre, sie machen Party.

„Yours Truly, Angry Mob“ von den Kaiser Chiefs ist als CD und Doppel-LP erschienen bei B Unique Records/Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Highroyds“

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Ziemlich kühl

Traurige Trompeten, ungestüme Saxofone, swingende Klarinetten und ein gelassenes Klavier: „The Complete Pacific Jazz Sessions“ von Gil Evans vereint zwei seiner besten Alben aus den späten Fünfzigern

Lewis - Streaming, Please

Im Frühjahr 1958 und um die Jahreswende 1958/59 spielte der Pianist und Arrangeur Gil Evans die beiden Alben New Bottles, Old Wine und Great Jazz Standards in New York ein. Lange Zeit waren die Aufnahmen schwer erhältlich, das ist nun vorbei: Auf Complete Pacific Jazz Sessions gibt es sie im Doppelpack und in voller Klang-Pracht.

Gemeinsam mit dem Trompeter Miles Davis erfand Evans den Cool Jazz, jenen kühlen, abgeklärten Klang, der sich Ende der vierziger Jahren zwischen den heißen Bebop und den ein paar Spuren zorniger brodelnden Hardbop schob. Gemeinsam schufen die beiden Musiker stilbildende Alben wie Birth of the Cool, Porgy & Bess und Sketches of Spain. Neben den im Jazz üblichen Instrumenten brachten sie Waldhorn, Tuba, Piccoloflöte und Bassklarinette zum Klingen, ihr Jazz war überraschend.

Die beiden auf The Complete Pacific Jazz Sessions vereinten Alben gehören zum Besten, was Evans mit großer Formation eingespielt hat. Die Besetzungen waren beinahe identisch, das Konzept einfach. Alte und neue Jazzklassiker, sei es der traditionelle St. Louis Blues oder die modernistische Ballade ’Round Midnight, wurden in neuen Versionen aufgenommen.

Die beiden Hälften der CD unterscheiden sich im Charakter. Die ersten acht Stücke (New Bottles, Old Wine) dominiert der Altsaxofonist „Cannonball“ Adderley, der seinen Spitznamen nicht ohne Grund trägt. Sein gewaltiges, bluesiges Spiel reibt sich an den luftigen Arrangements von Evans, manches Solo gerät gar etwas schnörkelig. Allein Manteca, eigentlich ein afro-kubanischer Feger, kommt in Evans Bearbeitung hüftsteif und eckig daher. Alle anderen Arrangements entfalten einen heiß-kalten Zauber.

Noch besser wird es dann im zweiten Teil (Great Jazz Standards) – ohne Adderley, dafür mit einer Vielzahl großartiger Solisten. Zum Beispiel dem wundervollen Trompeter Johnny Coles, dessen trauriger Ton es mit dem des großen Miles Davis aufnehmen kann; und dem ungestümen Sopransaxofonisten Steve Lacy, dessen Läufe stählern strahlen; und dem Klarinettisten und Tenorsaxofonisten Budd Johnson, der herrlich zurückgelehnt swingt.

Hier passt alles zusammen, bis zu Elvin Jones‘ großem Schlagzeugfinale im letzten Stück La Nevada (Theme). Wenn ganz am Ende das Thema wieder einsetzt, hört man Gil Evans am Klavier, wie er weit auseinander liegende Töne spielt – der „Svengali“ (ein Anagramm des Re-Arrangeurs) ist in Bestform.

„The Complete Pacific Jazz Sessions“ von Gil Evans ist als CD erschienen bei Blue Note

Hören Sie hier „La Nevada (Theme)“

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Feuer unter kalten Füßen

Der Gitarrist Grant Green servierte dem Publikum des „Club Mozambique“ im Januar 1971 perlende Soli auf brodelndem Fundament. Dazu röhrten schrill und heiser die Saxofone – James Brown ließ grüßen

Grant Green Laive At The Mozambique

Grant Green wird häufig vergessen, wenn es darum geht, die Gitarren-Genies der Jazzgeschichte zu benennen. Anfang der sechziger Jahre war er der lässige König der E-Gitarre, beim Jazzlabel Blue Note gehörte er in dieser Zeit zu den Musikern mit den meisten Einspielungen. Er erfand das moderne Gitarrenswingtrio neu. Im Jahr 1979 starb er in New York mit nur 43 Jahren hinter dem Steuer seines Wagens an einem Herzinfarkt. Viele Aufnahmen sind bis heute unveröffentlicht.

Mit Live At Club Mozambique macht Blue Note nun eine dieser Aufnahmen zugänglich. Sie stammt von Anfang des Jahres 1971. Die acht Stücke wurden bei zwei Auftritten im Detroiter Flachdachschuppen Club Mozambique mitgeschnitten. Da die originalen Mehrspurbänder nicht überlebt haben, wurde die CD von einem damals entstandenen Mono-Mix produziert. Ein Wehmutstropfen, der leicht zu verschmerzen ist, denn der Zauber, den Green und Band damals entfachten, blieb erhalten.

Green hatte seine ganz große Zeit damals schon hinter sich. Im Jahr 1966 hatte er sich für einige Zeit von Blue Note getrennt, wegen seiner Drogenabhängigkeit war er zwei Jahre lang musikalisch inaktiv. Bestimmte der gelassene Klang des eleganten Gitarristen die frühen Sechziger, so wurde er nun von anderen in den Schatten gestellt, Wes Montgomery und später George Benson waren die neuen Innovatoren. Greens Comeback im Jahr 1969 blieb weitgehend unbeachtet.

Zu Unrecht. Während seiner Pause hatte er sich einiges bei James Brown und dem Motown-Soul abgehört. Ende des Jahres 1969 gründete er in der Industriestadt Detroit eine neue Gruppe und servierte dem Publikum seine kühl perlenden Gitarrensoli fortan auf einem funkig brodelnden Fundament.

Die beiden Heimspiel-Abende im Club Mozambique zeugen davon, wie tanzbar der Gitarrist Jazz mit den damals angesagten Rhythmen und Klängen verlötete. Heiser und schrill röhren und quietschen die Saxofone (Clarence Thomas und, als Gast, Houston Person), während die Orgel von Ronnie Foster scharf die Akkorde setzt und die Stücke vorantreibt. Den besonderen Dreh erhalten die Aufnahmen durch den irrwitzigen Schlagzeuger Idris Muhammad, auf unnachahmliche Art lässt er die Hi-Hat scheppern und unterlegt den Auftritt mit rhythmischem Feuer.

Derart angeheizt wird am frostigen Januarabend selbst aus der Burt-Bacharach-Schnulze Walk On By eine mitreißende Tanznummer. Live At Club Mozambique führt vor, wie heiß auch zeitgenössischer Jazz klingen könnte. Und gegen kalte Füße wirkt die Platte sowieso.

„Live At Club Mozambique“ von Grant Green ist erschienen bei Blue Note/EMI

Hören Sie hier „Walk On By“

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Geschichten aus der Vorstadt

Saxofonist und Rapper? Doch, das passt. Soweto Kinch erzählt auf „A Life in the Day of B19: Tales of the Tower Block“ Geschichten aus den Vorstädten Birminghams und holt die Alltagskultur in den Jazz zurück

Soweto Kinch B19

„Tower blocks“ heißen in England die unansehnlichen Hochhäuser aus den sechziger Jahren. In Birmingham, wo der Altsaxofonist Soweto Kinch seine Jugendzeit verbrachte, standen im riesigen Neubaukomplex „Castle Vale vierunddreißig solcher Blocks. Das größte soziale Wohnungsbauprojekt Europas in Englands größter Einwandererstadt scheiterte. Die riesige Siedlung verkam. Jugendliche machten einen Sport daraus, sich auf dem Dach des höchsten Blocks aus beim „joy-riding“, dem Kaputtfahren geklauter Autos, anzufeuern. Heute ist die Gegend saniert, nur zwei Hochhäuser stehen noch.

Von einem „tower block“ in Birminghams Postbezirk B19 erzählt Soweto Kinchs neue CD. Mit seiner Verbindung von Jazz und HipHop wird er Puristen auf beiden Seiten vergraulen. Er bedient sich gekonnt mal hier, mal da. Sein Spektrum reicht von der gefühlvollen Jazzballade (Adrian’s Ballad, mit einem wunderschönen Solo von Kinch am Altsaxofon) bis zum jazzig instrumentierten Rap. Seine Gruppe – Bassist Michael Olatuja, Gitarrist Femi Temowo und Schlagzeuger Troy Miller – swingt ideenreich durch die Stücke.

A Life in the Day of B19: Tales of the Tower Block ist ein Konzeptalbum. Die Stücke begleiten drei Hauptcharaktere: den Jazzmusiker S, den Möchtegern-Rapper Marcus und den Busfahrer Adrian. Ihre Lebenswege kreuzen sich auf der Straße, auf dem Arbeitsamt, bei einem Konzert. Ihre Unterhaltungen – so genannte „skits“ – geben der Platte den Charakter eines Hörspiels. Schade, dass Kinch manchmal zusätzlich eine Erzählstimme einbaut. Die märchentantige Intonation von Moira Stuart – sie war 1981 Großbritanniens erste schwarze Nachrichtensprecherin im BBC-Fernsehen – ist ein Fremdkörper.

Davon abgesehen ist B19 ein überzeugendes Werk. Kinch verbindet den Jazz mit Alltagskultur und öffnet ihm neue Räume. Das Album ist der Auftakt einer Serie: Im März erscheint Basement Fables, der zweite Teil der Musikgeschichten aus Birminghams Hochhäusern.

„A Life In The Day Of B19: Tales Of The Tower Block“ von Soweto Kinch ist als CD erschienen bei Dune

Hören Sie hier „Love Gamble“

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Warme Töne und elegantes Geplapper

Über die Jahre (3): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: Soweto Kinch, der auf „Conversations With The Unseen“ die alte und neue schwarze Musik, den Jazz und den Rap vereint

Cover Soweto Kinch

Vor einigen Jahren sandte der britische Fernsehsender Channel 4 den amerikanischen Tenorsaxofonisten Branford Marsalis aus, die Zukunft des Jazz zu ergründen. Aufmerksam lauschte er sich quer durch die Jazzwelt, von Skandinavien bis Südamerika. Eine rechte Antwort darauf, was das neue jazz thing sei, fand er nicht.

Als er den jungen Altsaxofonisten und Rapper Soweto Kinch in London interviewte, wurde er sogar ein bisschen wütend: „Du wirst dich entscheiden müssen, Rap oder Jazz, lass dir das gesagt sein“, erklärte er dem jungen Briten, der kurz zuvor seine erste Platte aufgenommen hatte. Der widersprach höflich, Marsalis blieb unversöhnt.

Hört man Kinchs Debüt Conversation With The Unseen aus dem Jahr 2003, hofft man, er möge sich nicht entscheiden. Die Platte ist eine selbstbewusste, elegante, gelegentlich explosive Wortmeldung. Leichte, witzige, swingende Raps, in denen er trockenen Humor beweist, stehen neben energiegeladenen, modernen Jazzstücken. Überzeugend verbindet er die alte und die neue schwarze Musik.

An vielen Stellen klingen die Vorbilder durch. Kinch nimmt Charlie Parkers melodiöse Wendigkeit auf, verarbeitet sie aber auf seine Art. Das Stück Snakehips ist eine Hommage an den wenig bekannten Jazzmusiker Ken Johnson er war der erste schwarze Swingband-Leader in Großbritannien und starb 1941 beim deutschen Luftangriff auf das Café de Paris im Londoner Westend.

Conversations With The Unseen gehört zu den bemerkenswertesten Jazzplatten der letzten Jahre. Es steckt voller Ideen und wird zusammengehalten von Kinchs ebenso kräftigen wie geschmeidigen Saxofonton. Im September 2006 soll seine nächste CD erscheinen, mit deutlich gesteigertem Rap-Anteil, heißt es. Es lohnt sich, die Ohren offen zu halten.

„Conversations With The Unseen“ von Soweto Kinch ist als CD erhältlich bei Dune

Hören Sie hier „Good Nyooz“

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(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Die schwarz-orangene Revolution

45. Geburtstag oder 30. Todestag? Egal, die Plattenfirma Impulse! feiert die eigene, stolze Geschichte mit der Zusammenstellung „The House That Trane Built“

Cover Impulse

Eine Tonspur in orange und schwarz schlängelt sich durch die 1960er und 1970er Jahre. Als das Jazzplattenlabel Impulse! gegründet wurde, wollte man Signalfarbe bekennen, ein Ausrufezeichen setzen. Fünfzehn Jahre lang war es immer ganz dicht dran am unruhigen musikalischen Zeitgeist. Dass Orange und Schwarz später auch für „Feuer und Ebenholz“ oder „Zorn und Stolz“ standen, war vor allem einem Musiker zu verdanken: dem genialen und charismatischen Saxofonisten John Coltrane.

„Trane“ war bekannt geworden als Begleitung des Startrompeters Miles Davis. Mit seinem eigenen Quartett und einer Unmenge neuer Ideen im Kopf wurde er der erste und prägende Künstler bei Impulse!. Der Jazzhistoriker und Label-Biograph Ashley Kahn sieht in Impulse! sogar „das Haus, das ‚Trane‘ baute“.

Und was für ein Haus: eins mit tausend Türen, schiefen Ebenen, durchlässigen Wänden, wo sich Session scheinbar nahtlos an Session reihte, wo man stetig auf der Suche nach Neuem war, wo Jazz alles Mögliche sein konnte: eleganter Swing, rauer Hardbop, grooviger Funk, politisches Aussage, Happening, Gottesdienst. Coltrane engagierte junge, unbekannte Talente, schaffte die Freiräume, in denen dann alles möglich war – sogar das Harfenspiel seiner Frau Alice. Coltrane starb 1967, die Firma wurde neun Jahre später verkauft. Heute gehört sie zur Verve Music Group von Universal. Das reiche Erbe wird dort gepflegt, neue Einspielungen erscheinen äußerst selten.

Eine opulente, vier CDs umfassende Jubiläumssammlung erzählt nun die Geschichte der Jahre 1961 bis 1976. Die Aufnahmen sind lose chronologisch sortiert, viele bekannte – allen voran die Saxofonisten wie Coltrane, Sonny Rollins, Oliver Nelson, Archie Shepp, Pharoah Sanders – und auch ein paar weniger bekannte Jazzmusiker sind vertreten. Die Aufnahmen zeigen, dass Impulse! weit mehr war, als das leicht abgedrehte Freejazz-Label, als das es später galt. Sie zeigen auch, was künstlerischer Mut und eine liberale Aufnahmepolitik bewirken können. Die Musiker durften mitreden. Der Produzent Bob Thiele schlich sich noch in tiefer Nacht in die Studios, damit die Konzernführung nicht mitbekam, wie viele Platten tatsächlich eingespielt wurden.

Die vierstündige Reise durch die Impulse!-Geschichte ist bis auf wenige Missgriffe (das kitschige Chocolate Shake von Trompeter Freddie Hubbard, das zum Gähnen langweilige Gypsy Queen von Gitarrist Gabor Szabo) ein grandioses Hörerlebnis. Ein freier, schwebender Klang und ein abenteuerlustiger Geist verbinden die wegweisenden Aufnahmen. Wer Zusammenstellungen sonst ablehnt, sollte diese mal anhören.

„The House That Trane Built“ ist als 4-CD-Box erschienen bei Impulse!

Hören Sie hier „Mama Too Tight“ von dem Tenorsaxofonisten Archie Shepp

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Hauptsache, es swingt!

Dem Saxofonisten Hank Mobley kann man kaum andächtig lauschen, früher oder später fährt einem sein funkiger Jazz in die Beine. Jetzt ist sein Album „Dippin’“ wiederveröffentlicht worden

Cover Mobley

Der Tenorsaxofonist Hank Mobley war immer dabei, wenn sich im Hardbop-Jazz der 1950er Jahre etwas bewegte – so er nicht gerade wegen eines Drogenvergehens im Gefängnis saß. Er war Mitglied der Urformation von Art Blakeys Jazz Messengers und spielte regelmäßig mit Miles Davis. Stets stand er im Schatten der Saxofon-Giganten John Coltrane und Sonny Rollins, neben ihnen galt er bei aller Eleganz und Coolness immer als traditionell und altbacken. Zu Unrecht, Mobley erkundete neue Wege im Jazz, als Rock’n’Roll und Beatmusik populärer wurden und sich viele Innovatoren ins Free-Jazz-Nirwana verabschiedeten.

Er starb früh, 1986. Kurz darauf kam mit der Mojo- und Acid-Jazz-Welle der 1990er Jahre die Mobley-Wiederbelebung in Gang. Seine rhythmischen Stücke sind seitdem wieder gefragt, er wird als erfindungsreicher Improvisator, Mann des Funk und Autor eingängiger Melodien geschätzt. Seinem Jazz muss man nicht andächtig lauschen, man kann zu ihm sogar tanzen. Jeder Musiker sei ihm ein Vorbild, sagte Mobley einmal, solange die Musik swinge und etwas mitzuteilen habe. Das hört man seinen Aufnahmen an.

Die traditionsreiche Plattenfirma Blue Note bringt seit einigen Jahren seine wichtigsten Alben digital überarbeitet heraus. In der so genannten RVG Edition – benannt nach dem genialen Toningenieur Rudy Van Gelder, der bei Blue Note in den 1950er und 1960er Jahren für einen herausragenden Klang sorgte und die Meisterwerke heute eigenhändig auf Hochglanz bringt – erscheint nun Dippin‘. Es ist eine von Mobleys besten Platten. Aufgenommen wurde sie 1965, das Jahr zuvor hatte er hinter Gittern verbracht. Dippin‘ sollte nun endlich dafür sorgen, dass er seinen Ruf als „am häufigsten vergessener Saxofonist“ verliert.

Mit einem Trommelwirbel geht es los: Mobley und sein kongenialer Partner, der feurige Trompeter Lee Morgan, drehen schon im Auftaktstück The Dip ordentlich auf. Mobley durchschreitet geradezu sein Solo, selbstbewusst und locker, während die Rhythmusgruppe um den Pianisten Harold Mabern die schnelle Funknummer anheizt. Auch die anderen Kompositionen wie The Break Through, The Vamp oder Ballin’ atmen die typische Kombination aus Leichtfüßigkeit, blueshaltigem Sound und tanzbarer Energie. Dippin’ enthält außerdem die prächtige Jazzsamba-Nummer Recado Bossa Nova und die Ballade I See Your Face Before Me, bei der Morgan mit gestopfter Trompete ein besonders anrührendes Solo spielt. Dippin‘ ist grandiose Musik, nicht nur für lange, laue Sommernächte.

„Dippin’“ von Hank Mobley ist als CD erschienen bei Blue Note

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