Rätsel der Konjunkturprognose

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Die Frühjahrsprognosen der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute stehen wieder einmal bevor. Aber wie sieht es eigentlich mit dem Schicksal vergangener Prognosen aus? Roland Döhrn, Konjunktur-Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) hat in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst untersucht, wie sich die Vorhersagen für das Jahr 2015 entwickelt haben – und dies vor der Folie der vorläufigen Ergebnisse für 2015, die vom Statistischen Bundesamt Mitte Januar veröffentlicht wurden. Weiter„Rätsel der Konjunkturprognose“

 

Die Wendekanzlerin

Dies ist ein Beitrag über Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Er beginnt aber mit der Eurokrise. Diese Krise hat die Kanzlerin anfangs bekanntlich als Staatsschuldenkrise verstanden und daraus den Schluss gezogen, dass ihr nur beizukommen sei, wenn in Europa mehr gespart werde. Zu diesem Zweck wurden Fiskalpakt, Stabilitätspakt und eine Reihe von anderen Pakten ersonnen beziehungsweise verschärft, und unter den deutschen Merkel-Beobachtern hat sich in der Folge die Einschätzung durchgesetzt, dass sie als Siegerin vom Platz gegangen ist: Sie war die Kanzlerin der Austerität.

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Geldanlage in Zeiten niedriger Zinsen

Das Wachstum der Weltwirtschaft verlangsamt sich in diesem Jahr offenbar weiter, auf etwa drei Prozent; die Trendrate liegt bei vier Prozent. Bremseffekte gehen vor allem von China aus, wo Überinvestitionen und Strukturwandel Reibungsverluste verursachen. Zwar sieht es nicht nach einer neuen Rezession aus, jedoch überwiegen die Risiken, dass das Ergebnis am Ende schlechter ausfällt als zurzeit erwartet. Erfreulich ist, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt zumindest in den OECD-Ländern weiter kräftig verbessert. Die Zuwachsraten der Produktivität gehen jedoch immer noch zurück, was nichts Gutes für die Zukunft erwarten lässt.

Da die globale Outputlücke erneut größer wird, gibt es keine Inflationsrisiken. Zudem spricht Einiges dafür, dass die Rohstoffpreise dauerhaft niedrig bleiben werden. Gemessen an den inflationsgeschützten Staatsanleihen liegen die mittelfristigen Inflationserwartungen weit unter den Zielwerten der Zentralbanken. Die extrem expansive Geldpolitik dürfte daher auf absehbare Zeit beibehalten werden, selbst in den USA.

Die Länder des Euroraums stecken ebenso wie Japan immer noch in einer Liquiditätsfalle, aus der sie ohne eine expansivere Fiskalpolitik nicht so schnell herauskommen werden. Die USA sind in dieser Hinsicht weiter, weil die Treasury schon während der Finanzkrise sehr massiv gegengesteuert hatte, nicht zuletzt durch die Rekapitalisierung der Banken und die Hinnahme gewaltiger Staatsdefizite. Der Euroraum hat hier einen gravierenden institutionellen Wettbewerbsnachteil – auch eine noch so expansive „unkonventionelle“ Geldpolitik ändert daran nichts, wenn die Finanzpolitik restriktiv ausgerichtet ist. Immerhin hat die EZB zur Abwertung des Euro beigetragen und so die preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert.

Aktien sind historisch gesehen teuer, aber trotzdem im Vergleich zu Anleihen attraktiv; letztere verzinsen sich real kaum mehr. Ausnahmen sind neuerdings Unternehmensanleihen, nachdem die EZB diese in ihr Ankaufprogramm aufgenommen hat.

Die riskantesten Aktien sind solche, die mit fossilen Energien und Rohstoffen zu tun haben. Banken, die hohe Forderungen gegenüber diesen Sektoren haben, sind ebenfalls gefährdet.

Insgesamt werden die Aktienkurse 2016 aus zwei Gründen kaum nennenswert zulegen: Das Wirtschaftswachstum ist nur moderat, und die Bewertungen sind recht hoch.

Ausführliches zu den globalen Risiken und den Aussichten für Aktien, Bonds und Währungen finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – Asset allocation at a time of low real interest rates, March 2016*) (pdf, 702 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

 

Zum zweiten Mal: Globales BIP wächst, CO2-Emissionen stagnieren

Gute Nachrichten für die Umwelt: Die International Energy Agency (IEA) hat gerade mitgeteilt, dass der Ausstoß von CO2 bei der Energieerzeugung 2015 zum zweiten Mal in Folge stagnierte – und sich seit 2013 kaum mehr verändert hat –, während das reale Bruttoinlandsprodukt der Welt kräftig zugenommen hat. CO2 ist das wichtigste Treibhausgas, und der wichtigste Verursacher ist die Produktion von Elektrizität. Wachstum und Zerstörung der Umwelt gehen demnach nicht mehr Hand in Hand. Den bis vor Kurzem engen Zusammenhang gibt es offenbar nicht mehr. Nach den ehrgeizigen Klimazielen, die im Dezember in Paris bei der COP21 vereinbart worden waren, ist das innerhalb kurzer Zeit ein weiterer Erfolg im Kampf gegen die globale Erwärmung. Wachstum ist möglich ohne das Verbrennen zusätzlicher Kohlenwasserstoffe. Weiter„Zum zweiten Mal: Globales BIP wächst, CO2-Emissionen stagnieren“

 

Der Irrweg der 1:1 Lösung: Hat sich Angela Merkel verzockt?

Angeblich wollte ein britischer Gouverneur vor vielen Jahren eine Kobraplage in Indien beenden. Er belohnte deshalb jede tote Schlange mit einer Prämie. Alles schien gut zu laufen – es wurden jede Menge Exemplare abgeliefert. Irgendwann fand man aber heraus, dass die Kobras gezüchtet wurden, um das Geld zu kassieren. Weiter„Der Irrweg der 1:1 Lösung: Hat sich Angela Merkel verzockt?“

 

Wie Finanzmarktregulierung die soziale Nachhaltigkeit stärken kann

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Finanzmarktregulierung wird von den Vereinten Nationen nicht etwa unter dem Thema „ökonomische Stabilität“ diskutiert, sondern als Unterpunkt der Ziele zur sozialen Nachhaltigkeit angesprochen. Das ist überraschend. Wie das begründet werden kann, erläutert Christian Hecker in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst. Weiter„Wie Finanzmarktregulierung die soziale Nachhaltigkeit stärken kann“

 

Minuszinsen sind das falsche Rezept

Im Februar waren die harmonisierten Verbraucherpreise Eurolands niedriger als vor einem Jahr (-0,2 Prozent); schon 2015 war es einige Mal zu negativen Inflationsraten gekommen. Die EZB argumentiert ständig, dass das vor allem an den gesunkenen Preisen für Erdöl und andere Rohstoffe liege, nicht an fundamental deflationären Prozessen, dass die Kerninflation nämlich deutlich höher sei als Null. Leider ist das nur Wunschdenken. Im Februar war sie im Vorjahresvergleich auf 0,7 Prozent gesunken, nach 1,0 Prozent im Januar und Raten um die ein Prozent in den neun Monaten zuvor. Sie will und will nicht auf ein beruhigendes Niveau in der Nähe von zwei Prozent steigen. Da die Preise auf den vorgelagerten Stufen fallen, also bei den Einfuhren, im Großhandel und bei industriellen Produkten, ist vielmehr damit zu rechnen, dass sich der scharfe Rückgang der Inflationsraten bei den Verbrauchern, der seit Anfang 2012 zu beobachten ist, fortsetzen wird. Die Deflation scheint sich einzunisten. Weiter„Minuszinsen sind das falsche Rezept“

 

Gabriels Coup

Ich habe mich gestern mit der ökonomischen Dimension der Flüchtlingsfinanzierung befasst – was aber ist von Sigmar Gabriels Vorstoß politisch zu halten?

Mein geschätzter Kollege Martin Greive hält die Forderung nach einem Sozialprogramm für die einheimische Bevölkerung polittaktisch für keine gute Idee. Ich stimme Martin zu, dass Gabriel aus Nervosität handelt. Die Situation für die SPD ist denkbar schlecht und er musste etwas tun. Wenn es wirklich seine feste Überzeugung ist, dass mehr Geld ausgegeben werden muss, dann hat er lange gewartet, anderen daran teilhaben zu lassen.

Dennoch glaube ich, dass Gabriel wiederum rein taktisch betrachtet einen Coup gelandet haben könnte. Es mag sein, dass eine Mehrheit der Deutschen gegen neue Schulden ist. Aber es geht hier nicht um die Deutschen, es geht um die Wähler der SPD. Mehr Geld für die Armen und noch dazu ein Riesenzoff mit Wolfgang Schäuble – da geht doch jedem Sozialdemokraten das Herz auf.

Gabriel hat mit seinen Äußerungen wenige Tage vor den Landtagswahlen das Profil seiner Partei geschärft – das kann sich durchaus auszahlen. Denn nichts braucht die SPD dringender als eine Mobilisierung ihrer Wähler.

 

Wer soll für die Flüchtlinge zahlen?

Der Wahlkampf ist in vollem Gang – Sigmar Gabriel will die zusätzlichen Ausgaben für die Flüchtlinge zur Not auch mit neuen Schulden finanzieren und fordert darüber hinaus neue Sozialprogramme für Deutsche, Wolfgang Schäuble hält das für „erbarmungswürdig“ und will an anderer Stelle weniger ausgeben, um die schwarze Null zu halten.

Diese Zuspitzung ist natürlich der politischen Logik geschuldet aber davon abgesehen berührt sie eine sehr wichtige ökonomische Grundsatzfrage: Wie sollen die Flüchtlingskosten finanziert werden?

Die Antwort lautet: Es kommt darauf an.

Nach der fiskalischen Theorie soll der Staat seine Ausgaben möglichst periodengerecht finanzieren. Das bedeutet: Die Nutznießer einer Ausgabe sollen auch ihre Kosten tragen. Damit gibt es zwei Alternativen:

1. Die Flüchtlingsausgaben sind Investitionsausgaben. Der Staat gibt in diesem Fall Geld für Bildung und Ausbildung aus, was die Flüchtlinge dazu befähigt einer Arbeit nachzukommen. Damit erzielen sie Einkommen und bezahlen Steuern. Sie können damit den Schuldenberg wieder abbauen, der ihretwegen aufgetürmt wurde. Die Kreditfinanzierung ist damit nicht nur unproblematisch, sondern sogar empfehlenswert – die Investition bringt eine positive Rendite.

2. Die Flüchtlingsausgaben sind Konsumausgaben. Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingt nicht – weil es nicht gelingt, die Neuankömmlinge ausreichend zu qualifizieren oder weil sie nach drei oder vier Jahren wieder das Land verlassen. In diesem Fall fliesst kein Geld zurück, den Aufwendungen stehen keine zukünftigen Erträge entgegen. In dieser Variante sollten die Ausgaben generell durch Einsparungen an anderer Stelle oder höhere Steuern finanziert werden, weil sonst folgenden Generationen zusätzliche Lasten aufgebürdet werden.

Das ist zugegeben eine vereinfachte Betrachtung. Weder wurden konjunkturelle Aspekte diskutiert (man kann argumentieren, dass es in der jetzigen Situation sinnvoll ist die Staatsausgaben hochzufahren um die Nachfrage anzukurbeln) noch politische (vielleicht dient es dem sozialen Zusammenhalt, ein wenig mehr Schulden zu machen).

Aber sie macht deutlich, dass es für die Frage der Finanzierung ganz entscheidend darauf ankommt, wie wir die Fähigkeiten der Flüchtlinge einschätzen – und wie wir uns ihre weitere Zukunft in Deutschland vorstellen: Wird es gelingen, die Neuankömmlinge so zu qualifizieren, dass sie einen positiven Beitrag zur Finanzierung des Staates leisten? Sollen sie möglichst dauerhaft in Deutschland bleiben oder nach Beruhigung der Lage in der Heimat wieder gehen? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann die Frage nach der richtigen Finanzierung beantwortet werden.

Im Moment übrigens werden die Flüchtlingsausgaben de facto als Konsumausgaben behandelt. Das Geld kommt aus den Haushaltsüberschüssen, die ansonsten wahrscheinlich dazu verwendet worden wären, die Steuern zu senken oder zusätzliche Investitionsprogramme zu verabschieden.