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Überall zuhause

Die Brazilian Girls singen auf Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Und warum auch nicht? Hier kommt „Talk To La Bomb“…

Sonny Rollins - Sonny, Please

In welche Schublade soll man die Brazilian Girls stecken? Ihr erstes Album aus dem Jahr 2005 klang nach dieser neuen brasilianischen Popmusik, die viel mit elektronischen Elementen arbeitet. Der Keyboarder und Programmierer Didi Gutman hatte auch schon mit Bebel Gilberto zusammengearbeitet. Das zweite Album Talk To La Bomb ist schwerer einzuordnen. Ist das tanzbare Loungemusik? Seichter House? Vielleicht Jazz? Einfach Pop? Die Sängerin Sabina Sciubba stört die Uneindeutigkeit nicht: „Wir sind nicht mehr von brasilianischer Musik beeinflusst als von argentinischer oder afrikanischer oder europäischer Musik“.

Aber der Name? Der ist nur ein Witz. Keiner der vier Musiker kommt aus Brasilien. Didi Gutman kommt aus Buenos Aires, der Bassist Jesse Murphy aus Kalifornien und der Schlagzeuger Aaron Johnston aus Kansas. Und das einzige Girl im Bunde, Sabina Scubbia, ist überall ein bisschen zu Hause. Geboren wurde sie in Rom, aufgewachsen ist sie in München und Nizza, seit einigen Jahren lebt sie in New York.

Das Telefoninterview führt sie aus ihrem Urlaub in Puerto Rico. Im Hintergrund zwitschern die Vögel. In den Stücken wechselt sie die Sprache – Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch – manchmal mitten in einer Strophe. Die Plattenfirma wollte sie auf eine Sprache festlegen, berichtet sie. Verstanden habe sie das nicht, und befolgt schon gar nicht: „Ich kenne mittlerweile so viele Menschen, die mehrere Sprachen sprechen. Ich glaube nicht, dass es problematisch ist, mehrsprachig zu singen“.

Genauso unbekümmert wie sie klingt das zweite Album ihrer Band, Talk To La Bomb. Vom harschen ersten Stück Jique war die Plattenfirma ebenfalls nicht begeistert, sie wünschte sich eine weitere Portion des musikalischen Sonnenscheins vom ersten Album.

Ihre Musik ist wilder geworden. Der agile Bass umspielt die programmierten Beats, als würde er versuchen, ihnen ein Schnippchen zu schlagen. Große Teile der Musik sind in spontaner Improvisation entstanden, wie kleine Wunder verbinden sich die Elemente doch immer wieder zu Liedern, die melodisch sind, aber stets voller Brüche und Stolpersteine. Man hört, dass alle vier Musiker ihre Wurzeln im Jazz haben, kennen gelernt haben sie sich in einem New Yorker Jazzclub. Immer wieder setzen sich einem Textstellen und musikalische Phrasen im Kopf fest, hier und da klingt etwas bekannt.

Das Album ist sehr spontan im Studio entstanden. Nur für ein Stück holten sie sich einem Produzenten dazu. Ihre eigene Version von Last Call gefiel ihnen nicht, so machte Ric Ocasek eine Disconummer im Stil der Achtziger draus. Und siehe da, sie steht den Brazilian Girls ausgezeichnet, wie eigentlich alles was, sie an- und ausprobieren.

„Talk To La Bomb“ von den Brazilian Girls ist als CD erschienen bei Verve Forecast/Universal

Hören Sie hier „Never Met A German“ und die beiden auf Deutsch neu aufgenommenen Stücke „Jique“ und „Last Call“

Lesen Sie hier: Die Platten des Jahres 2006 – Eine Nachschau auf 100 Tonträger

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Kanadas schrägste Tanzfläche

Auf „Plays Polmo Polpo“ spielt Sandro Perri Stücke seiner eigenen Band nach. Lange Instrumentalnummern verwandelt er in fragile Lieder voller Melodie

Sandro Perri Plays Polmo Polpo

Das Label Constellation Records aus Montréal in Kanada steht für experimentellen Independent-Rock. Seine Veröffentlichungen zu hören, lohnt eigentlich immer. Godspeed You Black Emperor sind das Aushängeschild der Firma, die auch mit der liebevollen Aufmachung ihrer CDs und Platten besticht. Im Jahr 2003 erschien hier Like Hearts Swelling von Polmo Polpo, dem Ein-Man-Projekt von Sandro Perri. Und eben dieser Sandro Perri spielt nun seine eigenen Lieder nach, der Titel der Platte verrät es: Sandro Perri Plays Polmo Polpo. Ein zweiter Aufguss?

Ganz und gar nicht. Die zwischen Postrock, Klangcollage und Minimalismus oszillierenden Klänge Polmo Polpos kommen nun als eigenwillige Lieder daher. Die Platte beginnt mit fünfeinhalb Minuten Instrumentalmusik. Der Rhythmus schunkelt vor sich hin, eine Bassklarinette setzt Akzente. Eine Mundharmonika und eine Slide-Gitarre schaffen eine Atmosphäre, die nichts mit Country-Musik, aber viel mit amerikanischer Weite zu tun hat. Später tritt noch ein Akkordeon hinzu und etwas, das wie ein Theremin klingt. Das alles wirkt auf angenehme Weise schräg. Romeo Heart heißt das gute Stück. Die Mischung aus melodieverliebter Eingängigkeit, der Freude am Puren und an repetitiven Rhythmen charakterisieren Perris Klang.

Einiges ist collagiert – in Requiem For A Fox reiben sich verschiedene Gitarrenspuren aneinander. Die Stücke folgen seltsamen Metren, vertraut wirkende Formen zerfallen. Das alles erinnert an Red Krayola und andere Avantgarde-Pop-Bands der neunziger Jahre.

Ist Like Hearts Swelling eine reine Instrumentalplatte, so singt Perri nun mit sanfter Stimme. Die neu eingespielten Stücke sind transparent und schlank; dem Material tut das gut. Die ungewohnte Instrumentierung setzt Akzente, die in den extrem dichten Klangschichten von Like Hearts Swelling wohl gar nicht aufgefallen wären.

Perri wandert zwischen den Welten. Hier Disco, da E-Musik, ein eigenwilliger, identifizierbarer Stil. Er liebt seine Melodien, aber klebt nicht an ihnen. Wie – zwanzig Jahre vor ihm – Arthur Russell. Auf anderen Platten – zum Beispiel der Polmo Polpo-Maxi Kiss Me Again And Again, einer Russell-Coverversion und der Platte seines Nebenprojekts Glissandro 70 – schiebt er seine Lieder auf die Tanzfläche, die irgendwo im New York der späten achtziger Jahre zu sein scheint. Oder vielleicht ja auch in einer schöneren Zukunft, in der Sandro Perri täglich im Radio liefe.

„Plays Polmo Polpo“ von Sandro Perri ist als CD und LP erschienen bei Constellation Records

Hören Sie hier „Sky Histoire“

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Verschwommenes Knistern

Mit weit geöffneten Augen schlafwandelt die Berlinerin Milenasong durch eigentlich altbekannte Klanglandschaften. Die Musik auf ihrem Album „Seven Sisters“ ist schrullig, sie scheint in keine Zeit und an keinen Ort der Welt so recht zu passen.

The Cure Festival 2005

Das Album Seven Sisters von Milenasong ist Tinte in die Füller der Musikschreiber. Was werden wir wohl darüber lesen: Ist es »eine wunderbare Platte, um einem verregneten Herbsttag am Fenster zu sitzen«? Als feingliedrig und — im schlimmsten Fall — elfenhaft will man uns melancholische Musik von Frauen allzu oft verkaufen. Von da ist es nicht weit zu kleinen Händen und ganz großen Augen, die einen Beschützer suchen. Aber ist es wirklich so? Seit Jahren arbeitet die Berlinerin Sabrina Milena in Eigenregie und ist ständig auf Tournee, dafür muss man zäh sein. Und ist die Musik, die sie nun unter dem Namen Milenasong veröffentlicht, noch so traurig, das Klischee von der fragilen Künstlerin passt auf sie nicht.

Es müssen schnell neue Bilder her, und Seven Sisters erzeugt sie sie sofort. Die Realität rückt schon mit den ersten Akkorden in die Ferne, als gleite man mit einem Schiff durch nebliges Gewässer. Oder ist es doch eine klare Wüstennacht? Die Bilder verschwimmen, im Traum entstehen absurde Verknüpfungen. Eine morbide Atmosphäre macht sich breit.

Sabrina Milenas Musik ist schrullig, denn sie scheint in keine Zeit und an keinen Ort der Welt so recht zu passen. Mal klingt sie nach düsteren norwegischen Wäldern, mal nach der amerikanischen Wüste. Wie aus einem Grammofon knistert sie warm, das ändert auch die neben der Akustikgitarre eingesetzte Elektronik nicht. Ein wiederkehrendes Motiv des Albums ist die Klangästhetik von Kassetten. Kassetten schleifen in Schwaden, vorwärts und rückwärts, entrücken, verzücken und wissen im richtigen Moment auch zu stören.

Hinter dem minimalistischen Gewand liegen aufwändige Arrangements. Die Detailverliebtheit dieser subtilen Produktion ermutigt zum wiederholten Hören von Seven Sisters. Und Sabrina Milenas Talent, innerhalb eines Stücks verschiedene Richtungen einzuschlagen. Ihre Einflüsse reichen vom Folk bis zu Country und Blues. besonders beeindruckend zeigt dies das Stück Figs Tree.

An einigen Stellen hält ihre Stimme dem Anspruch der Arrangements nicht stand, gerade in den tieferen Lagen klingt sie gedrungen. Dennoch berührt sie den Hörer auf Anhieb, ihre Chöre erzeugen Gänsehaut.

Mit weit geöffneten Augen schlafwandelt das ausgezeichnete Debütalbum von Milenasong durch eigentlich altbekannte Klanglandschaften. Sie hat ihre ganz eigene Formel gefunden.

„Seven Sisters“ von Milenasong ist als CD und LP erschienen bei Monika

Hören Sie hier „Figs Tree“

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Holt die 3D-Brillen raus!

Es lohnt sich, wegzuschauen: Die DVD „Festival 2005“ ist ein Zusammenschnitt der Festival-Auftritte von The Cure im vorvergangenen Sommer. Was sich ausgesprochen gut anhört, sieht leider fürchterlich aus.

The Cure Festival 2005

Sicher zwanzig Mal haben sich The Cure aufgelöst. Um sich bisher jedes Mal ein, zwei Jahre drauf reumütig wieder zu vereinen. Mal in gleicher Besetzung, mal mit neuen Musikern. In der langen Geschichte der Band seit ihrer ersten Single Killing An Arab im Jahr 1978 ist Sänger Robert Smith die einzige Konstante. Es heißt, er sei unausstehlich und regiere die Geschicke der Band alleine, immer wieder schieden Musiker im Streit aus.

Zum letzten Mal hatte Smith The Cure nach dem Album Bloodflowers im Jahr 2000 für aufgelöst erklärt. Geglaubt hat ihm das natürlich fast niemand. Wenig verwunderlich, dass vier Jahre nach dem vermeintlichen Ende wieder ein Album erschien, es trug den simplen Titel The Cure. Da rumpelte und dröhnte es mehr als je zuvor, von den leichten Melodien zum Mitsummen, wie man sie aus den Achtzigern kannte, hatten sie sich weit entfernt.

Ähnlich oft wie die Auflösung seiner Band gab Smith in den letzten Jahren bekannt, nicht mehr live aufzutreten. Es war also keine wirkliche Überraschung, dass The Cure in wiederum veränderter Besetzung – minus zwei, plus eins – im Jahr 2005 durch die Welt tourten und Konzerte gaben. Konzerte, von denen alle Beteiligten – Musiker wie Besucher – offenbar so begeistert waren, dass das ganze nun, beinahe anderthalb Jahre danach, auf DVD verwurstet wird.

Festival 2005 ist ein Zusammenschnitt von mehr als zweieinhalb Stunden Material von den neun großen Festival-Auftritten der Band im vorvergangenen Sommer. Die Auswahl der Stücke ist fantastisch, aus allen Teilen der bewegten Karriere ist etwas dabei. Sie schmiegen sich aneinander, Alt.End vom letzten Album passt perfekt zwischen Fascination Street von 1989 und The Blood von 1985, es grummelt und drängt. Die zwanzig Jahre zwischen Shake Dog Shake und Us Or Them sind auf der Bühne beinahe nicht zu hören. Kraftvoll, dynamisch und hymnisch geht es zu, alles stimmt. Nun ja, fast alles:

Was sich nämlich ausgesprochen gut anhört, sieht leider schrecklich aus. User generated content nennt man so etwas wohl heutzutage: Die Bilder wurden aufgenommen von Fans und Mitarbeitern, die man mit DV-Kameras ausstattete. Manchmal wird gewackelt und gezoomt, was das Zeug hält, dann wieder sieht man minutenlang das Bild einer statischen Kamera, die Musiker in gehöriger Entfernung, dafür viele Hinterköpfe zwischen hier und dort. Die einzigen wirklich bewegten Bilder stammen von den langarmigen Kameras, die unnatürliche Flüge für die Videoleinwände neben der Bühne aufnehmen – in glatter MTV-Ästhetik. Die Farben sind mal ausgewaschen, mal hyperrealistisch, mal fehlen die Kontraste beinahe ganz, mal ist nichts mehr zu erkennen vor lauter Kontrast. Und meist passiert das alles in einem Stück.

Die Qualität ist gruselig, künstlerisch wie technisch. Zu allem Überfluss wurden einige der Stücke (nachträglich?) mit Effekten belegt, die schon zu Tagen von Beat-Club und Formel Eins für Netzhautablösung sorgten. Bei The Drowning Man vibriert das Bild im Rhythmus der Basstrommel, Signal To Noise nervt mit Doppelbild- und Reliefeffekten. Das wunderbare Schlussstück Faith ist theatralisch in Schwarzweiß gehalten und von Solarisationen durchzogen, A Strange Day versaut dieser 3D-Effekt aus den Achtzigern. Uargh.

Man hätte was draus machen können, sicher. Die Gemäuer des Teatro Greco im sizilianischen Taormina oder die Berliner Wuhlheide sind alleine schon stimmungsvoll genug. Ohne die vielen Effekte und übermäßige Experimentierfreude wären dort sicher feine Filmchen entstanden. 1988 dokumentierte der Kinofilm The Cure In Orange einen Auftritt der Band im beinahe 2000 Jahre alten Théâtre Romain der provencalischen Stadt Orange. Ganz ohne fangenerierte Inhalte und ambitionierte Amateurfilmerei. Wundervoll war das. Festival 2005 sollte man auf die altbewährte Art genießen: Augen zu und durch!

„Festival 2005“ von The Cure ist als DVD erschienen bei Geffen/Universal

Sehen Sie hier „Never Enough“

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Be-la-la-la-langlose Kostümschau

Gwen Stefani rüscht sich zur Popfigurine auf. Das neue Album „The Sweet Escape“ klingt nach all ihren musikalischen Gewandmeistern, bloß nicht eigen. Vielleicht sollte sie lieber nur Mode machen

Gwen Stefani

I’m just an Orange County girl, livin’ in an extraordinary world. And the girls sing – La la la la la la la, and the guys sing – La la la la la la la. Man würde ihr so gern glauben. Zum Nachweis ihrer Einfachheit legt Gwen Stefani dem Album The Sweet Escape gefühlsduselige Bilder bei. Lebt hinter der mondänen Fassade wirklich ein ehrliches, liebesbedürftiges Mädchen? Verbergen die getönten Gläser nur die Tränen, die es den Freunden hinterherweint, die sie verließen, verschreckt von der Glitzer-Aura? Herrjemineh, wer nimmt der Schönen denn ab, dass unter all den Gucci-, Westwood- und Galliano-Hüllen immer noch die alte Gwen from the block steckt?

Früher war sie ein freches Ska-Mädchen und sang für die kalifornische Band No Doubt. Als die eine Pause einlegten, rüschte Gwen Stefani sich zu einer Figurine der Popkultur auf: Ihr Solo-Debüt L.A.M.B. aus dem Jahr 2004 verkaufte sich rund acht Millionen Mal, nebenher entwarf sie eine gleichnamige Modekollektion. Die vier Buchstaben stehen für Love, Angel, Music, Baby, so taufte sie auch ihre vier in Dirndlmieder, Springerstiefel und Schottenröcke verpackten asiatischen Tänzerinnen. Und vom nächsten Herbst an können ihre Fans dann nach Liebe, Engel, Musik und Kleinkindern duften.

Viele Popstars vermarkten ihre eigenen Parfüm- und Modelinien, selten aber sind Musik und Klamotte so verschränkt wie bei ihr. In jedem zweiten Lied singt sie von Luxuskleidern, ihre Konzerte sind Modenschauen. Sie verehrt Madonna und die modebewussten Mädchen aus Harajuku, dem Bahnhofsviertel Tokios. Von ihnen lässt sie sich inspirieren. Gwen Stefani fehlt es an Sprachsinn und Poesie, nicht aber am Mut zur Affirmation des Ego-Produkts. Mal um Mal betont sie ihre Glaubwürdigkeit und Coolness. „The girls want to know why boys like us so much (…) They like the way that l.a.m.b. ist going ’cross my shirt. They like the way my pants, it complements my shape“, protzt sie in ihrer Jodel-Single Wind It Up.

Wie man sich zur egozentrischen Champagner-Heldin aufspielt und dabei Bodenhaftung vortäuscht, brachten ihr wohl Pharrell Williams und die Neptunes bei. Das erfolgreiche Produzententeam revolutionierte vor sechs Jahren mit verschrobenem Minimalismus den R’n’B und griff auch Britney Spears, Mariah Carey, Beyoncé und Justin Timberlake unter die Arme. Wind It Up ist ein Paradestück neptunischer Skurrilität und gleichsam der einzige Lichtblick auf Gwen Stefanis zweitem Soloalbum. Es rappelt wie ein Jahrmarkt, nervöses Hufeklappern umschwirrt die wummernde Marschtrommel, und das All-American-Girl jodelt zu Klangschnipseln aus seinem Lieblingsalpenmusical The Sound Of Music. Eine wahrhaft schräge Überraschung. Oder vielleicht doch nur ein neuer durchkalkulierter Modeentwurf? Von L.A. über Tokio nach Salzburg ist es für Musikfreunde schließlich nur ein Katzensprung.

Ansonsten singt sie Be-la-la-la-langloses in das teure Studiomikrofon. Die folgenden elf Stücke auf The Sweet Escape klingen blankpoliert und amerikapoppig. Sie lassen weniger einen eigenen Stil erkennen als den des jeweiligen Produzenten – neben den Neptunes helfen namhafte Popschreiber wie Linda Perry von den 4 Non Blondes oder Martin Gore von Depeche Mode aus. Klöternder R’n’B trifft auf elektrisierten HipHop, New Age auf BritPop. Gwen Stefani schlüpft in die Kompositionen ihrer musikalischen Gewandmeister wie in neue Kostüme. Jedes Lied lässt sie anders aussehen.

Dass dieses Album keine Richtung habe, mache es sehr modern, sagt sie. „Ich habe nie geplant, noch eine Soloplatte zu machen. Es ist irgendwie peinlich, darüber zu reden. Ich hatte noch ein paar fantastische Songs von der ersten übrig. Ich wollte aber ein Baby haben. Jetzt habe ich beides. Ich schwimme einfach mit dem Strom“, zitiert sie der Internetdienst PR inside. Wenn das 37-jährige Mädchen hinter der großen Brille so denkt, sollte es lieber den Mund halten und Mode machen. Damit lässt sich auch viel Geld verdienen.

„The Sweet Escape“ von Gwen Stefani ist erschienen bei Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Wind It Up“

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Ein neuer Kopf muss her

„Reservations“ von Sodastream passt in die düstere Jahreszeit. Kein Wunder, sie nahmen es auf, als hierzulande die Frühlingsgefühle herrschten. Bei ihnen zu Hause in Australien war da gerade Herbst

Sodastream Reservation

Was wissen wir schon über Australiens Musikszene? Für ein Gespräch auf einer Achtziger-Party reicht es meist. „Ach hier, Down Under, wie hießen die noch mal?“, „Mensch, ähm, ich hab’s gleich. Nicht Midnight Oil.“ „Nee, das waren ja die mit Beds Are Burning. Aber die kommen auch aus Australien.“ „Nick Cave ja auch. Und Kylie Minogue.“ „Und ACDC und die Bee Gees.“ „Echt? I come from a land down under, where women glow and men plunder … Ach, wie hießen die denn, verdammt.“ Men At Work – so hießen die – prägten unser Bild von Australien nachhaltig. Drollige Typen da unten, das Bier fließt in Strömen, die Männer plündern und kotzen, den Frauen ist das alles eher unangenehm.

Weniges vom Musikmarkt Australiens gelangt in europäische Ohren. Seltsam, dass noch niemand die Marktlücke schloss, die die Verschiebung der Jahreszeiten bietet. In unseren Breiten werden gecastete Hupfdohlen im tiefsten Winter ins Studio geprügelt, um ihr „Summer Summer, Yeah Yeah, Shalala, Let Me Be Your Badehandtuch“ in die Mikros zu heucheln. Damit sie in die richtige Stimmung kommen, werden sie mit Caipirinha abgefüllt und müssen in trockener Heizungsluft schwitzen. Ihre Freizeit müssen sie im Sonnenstudio verbringen, um beim Fotoshooting ja nicht blass dreinzublicken. Platten von Künstlern aus Australien und Neuseeland hingegen passen auch ohne das elende Geschummel immer zur Jahreszeit. Zu unserer jedenfalls. Eine Platte, die im ozeanischen Herbst aufgenommen wird, erscheint ein halbes Jahr später im europäischen Herbst.

So zum Beispiel auch Reservations der Australier Sodastream. Es ist ihr viertes Album und passt in diese Tage. Die Himmel sind verhangen, durch die Straßen fegt Laub, Regen plockert an die Scheiben. Sieht der Herbst in Australien so aus? Keine Ahnung. Reservations jedenfalls klingt, als hätten Pete Cohen und Karl Smith ziemlich betrübt im Studio gesessen und an ihren akustischen Instrumenten herumgenestelt.

Ihr erster Schritt über die etlichen Weltmeere zwischen dort und hier war Turnstyle von ihrer ersten Single Enjoy. Das Stück schaffte es 1998 in John Peels berüchtigtem Jahresrückblick Festive 50 auf Platz 45. Damals orientierten sie sich noch sehr am BritPop, über die Jahre sind sie ruhiger geworden.

Ihre Musik ist schön, wunderschön. Irgendwo zwischen Belle & Sebastian und Will Oldham oder Jason Molina. Brüchig melodiös, könnte man sagen. Karl Smith näselt leicht, seine Stimme ist warm und freundlich. Manchmal singen sie auch zweistimmig. Ihre Gitarren behandeln sie zart, der Kontrabass schnarrt nachdrücklich. Bei vielen Stücken werden sie von einer Violine oder einem Klavier begleitet, bei Anniversary vom Horn. Bei Michelle’s Cabin lässt Pete Cohen die Säge singen. Alles ganz ruhig und zurückhaltend. Alleine bei der Single Twin Lakes ist der Rhythmus ein bisschen fröhlicher geraten, fast countryartig.

Auch in den Texten steckt der Herbst. In Anti singt Smith von schweren Tagen, grau und verregnet und voller Unruhe. „I’m ging to shout for a little while, and then I’m going to scream for a short while, ‚Cause I can’t sleep till the sickness here subsides.“ Und dann rennt er ein bisschen durch die Gegend und versucht zu lachen, am Ende hat er wieder nichts gelernt. „So bring me hope for a little while, and bring me peace for a short while, I’m on my knees and I’ll beat this wall and cry.“ Jedes Singen über das Wetter übersetzt sich früher oder später in Einsamkeit, Trennungsschmerz und Scheitern. Er singt vom Juli, der nicht warm wird, dahinter steckt Trauer. Sein Kopf muss ab, singt er, ein neuer her, „Someone to take the weight and bring peace of mind, and warm July here“. Hach.

Überwältigt von der ganzen Schönheit vergisst man fast, dass einem der Name der Band wirklich schwer über die Lippen geht. Offensichtlich blieb dem fünften Kontinent die Geißel der prinzipiell funktionsuntüchtigen Geräte zum Wassersprudeln erspart.

„Reservations“ von Sodastream ist erschienen bei Hausmusik

Hören Sie hier das Stück „Reservations“

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Sockenbrand am 24.

Sufjan Stevens überrascht mal wieder alle: Mit einer Fünf-CD-Box zum Fest der Feste. Seine „Songs For Christmas“ sind teils recht krass

Sufjan Stevens - Christmas

Im Herbst des Jahres 2001, der die Welt erschütterte, erlebte der Musiker Sufjan Stevens auch einen sehr persönlichen Moment der Krise. Einsam, unbekannt und stoppelbärtig saß der arbeitslose Mittzwanziger in einem Zimmer in Brooklyn, aß tagealtes Brot oder Instantnudeln, und an einem Morgen Anfang Dezember wollte er sich das billigste aller Frühstücke machen, Pfannkuchen aus der Tüte, bloß rauspulvern, Wasser dazu und umrühren, als es zu einer folgenreichen Verpuffung kommt.

Der Plastiklöffel mit dem Pulver fängt am Herd Feuer, zertropft, flammt auf in einer chemischen Reaktion wie bei einem missglückten Experiment im Schulunterricht. Der hungrige Musiker versucht, die Reaktion mit einem Glas Milch zu löschen und findet sich inmitten einer giftig schmeckenden Wolke. Der Geruch wirft ihn um viele Jahre in die Vergangenheit zurück, ins elterliche Haus zu Weihnachten, da die Mutter gerade in einem zerstörerischen Verzweiflungsakt gegen den Festtagsstress ein noch verpacktes Geschenk vom geschmückten Tannenbaum reißt und wutentbrannt in den Ofen schmeißt.

Es sind die sechs Socken, die der kleine Sufjan seinem älteren Bruder schenken wollte als Wiedergutmachung dafür, dass er ihm von allen Strümpfen die Spitzen abgeschnitten hatte – aus Rache, weil der Bruder herumerzählt hatte, dass Sufjan noch Daumen lutschte und mit einem Kuscheltier schlief. Die Socken waren aus synthetischen Fasern; sie schmolzen im Ofen, begannen zu brodeln und bestialisch zu stinken. Die unter den Feiervorbereitungen an den Rand ihrer Nervenkraft gelangten Familienmitglieder liefen hinaus in den meterdicken Schnee und schnappten nach Luft. Sie rissen alle Fenster auf; es brauchte eine Stunde, bis der gröbste Gestank verschwunden war. Und noch heute, glaubt man Sufjan Stevens, riecht es nach den verfeuerten Socken.

Er erzählt die Geschichte in dem hintergründig dekorierten Büchlein, das seiner Fünf-CD-Box mit Weihnachtsliedern beigelegt ist. Sein Verhältnis zum Fest der Liebe scheint so kompliziert wie das vieler seiner Hörer. Es brauchte die Initialzündung im Advent 2001, um aus dem Festverweigerer einen trotzigen Weihnachtsliedsänger zu machen. Gleich nahm er sieben Songs auf, brannte sie auf CDs, schickte sie Freunden und Verwandten, 17 Minuten sehr widersprüchlicher Gesänge. Stille Nacht macht lieblich den Anfang, Amazing Grace den Schluss, dazwischen Garstiges von ihm wie It’s Christmas, Let’s Be Glad, das – frei übersetzt – so geht: »An Weihnachten freuen wir uns eben / Selbst wenn bös gewesen euer Leben / Wird’s Geschenke geben / Geht raus in den Schnee / Und hört Sankt Niklas’ ›He! He! He!‹«

Was so spontan begonnen hatte, erhob Sufjan Stevens alsbald zu einem Brauch; alle Jahre wieder zerrte er Nachbarn und Bekannte mit Glöckchen vors Mikrofon, stimmte Jingle Bells an und Joy To The World und machte unter Hinzugabe eigener Lieder ein banjogestütztes CDlein daraus.

Nun hat er, beflügelt vom Erfolg seiner boshaft-grandiosen Hymnen auf die amerikanischen Bundesstaaten (Greetings From Michigan, 2003; Come On Feel The Illinoise, 2005), die fünf weihnachtlichen Kleinalben in einer prachtvollen Schachtel veröffentlicht. In ihr findet sich vieles von dem, was diese Zeit des Jahres an Schönem und Schrecklichem zu bieten hat. Das Songbook enthält dazu die Texte und die Gitarrengriffe für ein stimmungsvolles Singalong rund um die familiären Eruptionen.

„Songs For Christmas Singalong“ von Sufjan Stevens ist erschienen bei Asthmatic Kitty/Cargo

Hören Sie hier das im Text zitierte „It’s Christmas, Let’s Be Glad“, geschrieben von Sufjan Stevens, und seine beschwingte 36-Sekunden-Version des Klassikers „Jingle Bells“

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Musik ist kein Obst

Erst wurde „Love“ von Foetus falsch gepresst, dann ging diese Platte unter. Im Laden ist sie nur schwer zu finden – höchste Zeit, sie zu entdecken

Isis - Absence Of Truth

Im Spätsommer 2005 veröffentlicht Foetus das Album Love. Es gibt die üblichen Besprechungen in Musikmagazinen. Kaum stehen die ersten Exemplare in den Läden, stellt sich heraus, dass dem Presswerk ein Fehler unterlaufen ist. Statt des Albums war eine Vorabsingle mit vier Stücken vervielfältigt worden. Man ruft die gesamte Auflage zurück. In der Flut von Neuveröffentlichungen geht es unter, dass das Album einige Zeit später erneut veröffentlicht wird – dieses Mal korrekt gepresst.

So ist wohl auch zu erklären, dass Love in kaum einem Plattenladen zu finden ist. Denn vollkommen unbekannter ist der Mann, der sich mit dem Künstlernamen Foetus schmückt, nicht. Seit Anfang der Achtziger macht der Australier James George Thirlwell Musik und hat seitdem etliche Bewunderern gefunden.

Mit 18 kam er nach Europa und begann seine musikalische Karriere im Umfeld der Einstürzenden Neubauten. Er entwarf düstere Klangvisionen und veröffentlichte seine Produktionen unter unzähligen Projektnamen. Nebenbei agierte er als Remixer für die Nine Inch Nails und die Red Hot Chili Peppers. Zudem trieb er unter dem Namen Clint Ruin allerhand Schweinkram in den erotischen Kunstfilmen Richard Kerns.

Foetus’ Musik basiert auf Samples und erinnert an Filmmusik. Love ist mutig instrumentiert. Harfen treffen auf schmetternde E-Gitarren, das Waldhorn wird vom Theremin gezähmt. Das Thema des Spinetts scheint sich durch die ganze Platte zu ziehen. Hat Ennio Morricone nicht auch Mundharmonika mit Orchester kombiniert und sogar der Panflöte neues Leben eingehaucht? Thirlwell hat sich stets darauf konzentriert, seine kompositorischen Fähigkeiten auszuweiten, auch mithilfe ungewöhnlicher Instrumente.

Seine Klangvision klingt am deutlichsten aus dem Stück Don’t Want Me Anymore. Es erzählt vom Verlassenwerden und taumelt wie ein angeschlagener Boxer von einem Zustand in den nächsten. Richtig aus dem Ruder gerät es, als ein schepperndes Schlagzeug einsetzt, das nicht den Rhythmus, sondern einen Puls spielt. Das Tempo verändert sich, und der Hörer verliert die Orientierung in deliranten Klangschichtungen.

Thirlwell hat nicht die typische Stimme für so etwas, das fällt auf. Wo sonst oktavensichere Schmachtheinzeln wirken, raunt sich sein rauhes und verlebtes Organ durch den Orchestergraben. In den höheren Lagen wirkt seine Stimme gedrungen. Doch auch das passt, die Koexistenz von Schönem und Hässlichem. Sie entwickelt ihre Qualität im Ringen um Balance.

Schade, dass diese Platte verschollen ist. Aber Musik ist kein Obst — sie überlebt ihre Umstände.

„Love“ von Foetus ist erschienen bei Birdman Records/Rough Trade

Hören Sie hier „Don’t Want Me Anymore“

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Gealterte Jungs

Take That sind zurück und besingen die „Beautiful World“. Nach zehnjähriger Trennung tragen sie ein paar nette Popliedchen souverän vor

Take That - Beautiful World

Take That waren die erfolgreichste Jungsband der neunziger Jahre. Viele Mädchen erlebten ihre Pubertät unter Postern der fünf Briten. Sie sahen adrett aus, konnten tanzen und singen. Ihre Lieder hießen Could It Be Magic, Babe und Everything Changes. Sie sangen für Prinzessin Diana und improvisierten mit Elton John. Ganz gleich, was sie taten, sie hatten Erfolg. Bis nach vier Jahren einer von ihnen plötzlich Rocker werden wollte.

Der Ausstieg von Robbie Williams war eine Katastrophe für die Anhängerinnen. Manche kamen tagelang nicht zur Schule, Telefonseelsorger pflegten zertrümmerte Mädchenseelen in aller Welt. Nach der Neuinterpretation des schwülstigen Bee Gees-Klassikers How Deep Is Your Love war auch für die vier übrigen Sangesbrüder Schluss, fortan gingen sie getrennte Wege. Freunde wollten sie bleiben, hieß es. Nur mit Williams hatten sie sich überworfen. Der zechte inzwischen mit den Rockern von Oasis die Nächte durch und wurde berühmter, als er es mit Take That je hätte werden können.

Gary Barlow komponierte sich einen Hit und paar Tanzlieder für unbekannte Diskogruppen. Mark Owen nahm drei Solo-Platten auf, die kaum jemanden interessierten. Jason Orange turnte über Englands Kleinkunstbühnen. Und Howard Donald stand wieder in englischen Clubs herum und tat das, was er schon zu Bandzeiten am besten konnte: gut aussehen und ergeben schweigen. So vergingen zehn Jahre, und das war irgendwie auch in Ordnung.

Vorigen Herbst dann der Aufmarsch der Gescheiterten. Auf einer Pressekonferenz, umgeben von mittlerweile älter gewordenen Fans, verkündeten die vier Musiker, dass sie – kreisch – wieder zusammen – doppelkreisch – musizieren wollten. Die ersten Konzerte waren nach einer Stunde ausverkauft. Robbie Williams hatten sie auch gefragt, ob er mitkommen wolle. Er lehnte ab und spottete auf seiner eigenen Tournee über seine ehemaligen Weggefährten.

Die ersten Presse-Fotos zur Vereinigungskampagne zeigen nun vier Männer, die eine Küstenstraße entlangschreiten, drei von ihnen mit wallenden Mänteln und Haaren. Ein Zeugnis bemühter Emanzipation vom alten Erscheinungsbild. Sieht so eine gealterte Jungsband aus? Von einer „atemberaubenden neuen Single“ schwärmt die Plattenfirma. Patience heißt sie und schwappte kürzlich auf den Vorweihnachtsmarkt. Eine Woche später erscheint nun das Album Beautiful World.

Die Stimmen von Barlow, Owen, Donald und Orange schwelgen in Hall und Melancholie, während sie Liebe, Schmerz und Glück verhandeln. Die Stücke werden souverän vorgetragen, Musik und Text klingen gelegentlich wie aus einem Popbaukasten zusammengezimmert: Akustische Gitarren und zartes Klaviergeklimper tragen sie, erwartbar wie der Reim „tear“ auf „fear“ streichen Geigen, wenn es tragisch wird. Dahinter fiept zuweilen Elektronik hinein in die balladeske Beliebigkeit von Take Thats schöner Welt.

Nur zwei Lieder stechen heraus. Zum einen Wooden Boat, ein überraschendes Liedermacherstück. Zum anderen Shine, eine verspätete Sommernummer im beschwingten Tanzrhythmus, die ein wenig nach einer Zeit klingt, da die vier noch schillernd über die Bühnen hopsten. Der Rest ist gefälliges Radiogedudel. Harmlose Lieder für Supermärkte, Großraumbüros und Umkleidekabinen.

„Beautiful World“ von Take That ist erschienen bei Universal

Hören Sie hier Ausschnitte aus dem Album

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Erschütternd glamourös

Über die Jahre (17): „Lexicon Of Love“ von ABC steckt voller Widersprüche. Unter der glitzernden Oberfläche fröhlicher Poplieder liegen Enttäuschung und Schmerz. Für romantische Flausen ist da kein Platz

ABC The Lexicon Of Love

The Lexicon Of Love von ABC war die erste Platte, die ich mir kaufte – für 14 Mark 90 in einem Plattenladen in der Passerelle in Hannover. Diese schmuddelige, unterirdische Ladenmeile unter der Fußgängerzone passte nicht zu dem Glamour und der Romantik, die ich mit der Gruppe verband. Für mich waren ABC die einsamen musikalischen Erben des klassischen Hollywoods. Ich verband die Platte mit alten Screwball-Komödien am Sonntagnachmittag, in denen sich Claudette Colbert und Clark Gable oder Katherine Hepburn und Cary Grant erotisch knisternde Wortgefechte lieferten. Oder in denen Fred Astaire und Ginger Rogers durch bizarre Art-déco-Kulissen wirbelten. Sie stimmten mich beschwingt.

Martin Fry, der Sänger und Texter von ABC, war mein Cole Porter. „If you gave me a pound for all the moments I missed / And I got dancing lessons for all the lips I shoulda kissed / I’d be a millionaire / I’d be a Fred Astaire“, sang er in Valentines Day und brachte das Missverhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit in meinem jungen Leben auf den Punkt. Ich war voller romantischer Vorstellungen von der Liebe und noch weit davon entfernt, Erfahrungen mit ihr zu machen.

Ich war 14 Jahre alt, mein Englisch schlecht. So entging mir die andere Seite von Frys Texten. Eigentlich versuchte er doch, mir die romantischen Illusionen auszutreiben: „Sentimental powers might help you now / but skip the hearts and flowers / skip the ivory towers / you’ll be disappointed.“

Damals wusste ich nicht, dass die Platte aus der Verarbeitung einer schmerzlichen Trennung Martin Frys entstanden war. Die Frau, die man auf Poison Arrow singen hört, war die Angebetete, die ihn soeben verlassen hatte. Aber muss man Kunstwerke ausschließlich in Bezug auf die Biografie des Künstlers entschlüsseln? Gerade bei ABC macht das wenig Sinn, sie standen ja gerade nicht für solcherlei Authentizität. Das war die Domäne der stumpfen Rocker. Und ABC waren Pop. Groß, glamourös und unwirklich. Sie verwandelten den Schmerz in Disco-Beats, Streichertürme und bunte Bilder. Im Video zu The Look Of Love stellt die Band als Horde ungelenker Ex-Punks mit schiefen Zähnen ein knallbuntes Broadway-Musical nach.

Dass die Platte mich auch heute noch so beeindruckt, liegt an der Wut, die in Martin Frys Stimme schwingt. Wie meine anderen Lieblingssänger zu der Zeit – Edwyn Collins von Orange Juice und Kevin Rowland von Dexy’s Midnight Runners – war er ein pickliger weißer Junge mit begrenztem Stimmumfang. Er versucht wie ein Soulsänger zu singen, das Scheitern macht seinen Gesang so erschütternd.

Auch wenn ich die Texte nur teilweise verstand, das Schwanken dieser Platte zwischen Freude und Schmerz nahm ich wahr, es prägte mich. ABC steckten voller Widersprüche, sie standen für die Hoffnung im Elend, den Konflikt in der Harmonie, das Lachen, dass sich unter den Tränen verbirgt. In diesem Sinne war die Passerelle vielleicht doch der geeignete Ort für den Kauf dieser Platte, die mich auch heute noch – 24 Jahre später – euphorisch stimmt.

„The Lexicon Of Love“ von ABC ist erschienen bei Mercury/Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Poison Arrow“

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