Geld macht glücklich

Die Skeletons aus New York beatmen den Jazzrock der späten Achtziger. Ihr Album „Money“ ist ein splitternder Klangbrocken und steckt voller Überraschungen

Autohupen, eine Wagenkolonne tönt wie nach einem gewonnenen Fußballspiel. Ein schräger Klavierakkord, wieder und wieder. Darüber nuschelt der Sänger Matt Mehlan vier wehmütige Zeilen. Klangcollagen und zerbrechliche Balladen? Von wegen, hier bricht ein Sturm los: Die Gitarre serviert splitternde Klangbrocken, der Bass schlägt Haken, der Schlagzeuger spielt Jazz und HipHop auf einmal. Dazu erklingen sehr schräge Bläser und ein bisschen schräger Gesang. Das ist funky, man möchte mitgröhlen. Die Skeletons sind wohl mit der Musik der Tar Babies und den jazzig rockenden Tönen des Labels SST Ende der Achtziger aufgewachsen, so jedenfalls klingt ihr Album Money. Sie beleben diese längst verschütteten Klänge – und reichern sie mit eigenen Ideen an.

Da sind nicht nur die Klangcollagen, die immer mal wieder mitlaufen. Man weiß auch nie, was einen an der nächsten Ecke erwartet. Auf atonal drängelnde Passagen folgen zuckersüß-harmonische Gesänge. Leichtfüßige afrikanische Rhythmen teilen sich den engen Raum mit elektronisch verfremdetem Geschrei. Es geht hin und her, etwa so: Dem entspannt groovenden Stepper a.k.a. Work folgt ein kurzer Singsang, dem eine spanische Flughafendurchsage – und plötzlich macht es Boom!: Die Gitarren krachen, der Schlagzeuger peitscht auf seine Felle ein, aus der Kakophonie schält sich eine Melodie, der Bass treibt den Sänger vor sich her. Zwei Gitarristen schrammeln in verschiedenen Tonhöhen, verhaken sich ineinander und werden immer schneller. Nach sieben Minuten entfesselt der Saxofonist ein irrsinniges Solo. Irgendwann fallen die anderen Bläser mit ein, und man glaubt, das Autohupen vom Anfang der Platte wieder zu hören.

Trotz all der Intensität und dem immer wieder hereinbrechenden Chaos stimmt Money den Hörer glücklich. Zum Ausklang singt die Band zu munteren Straßenbläsern: „A memory is still a memory if you saw it on TV / Or in a dream or heard it on the street / You can unknowlingly believe me.“ Die Skeletons feiern am Abgrund.

„Money“ von den Skeletons ist auf CD und LP bei Tomlab/Indigo erschienen.

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Zwischen gestern und morgen

Das Berliner Produzenten-Kollektiv Jazzanova huldigt alten Helden und schafft doch etwas Neues. Aus HipHop, Soul, Reggae und Jazz entsteht „Of All The Things“

Aktuelle Musik muss sich immer gegen die Töne der Vergangenheit verteidigen. Wie kann man der Tradition huldigen, ohne ein Imitat zu produzieren? Ständig erscheinen Platten, bei denen man sich fragt, weshalb man nicht einfach zum Original greift. Auch im Soul ist das so. Neben den Futuristen, die vor lauter Produktion die Lieder vergessen und den Erben des Schlafzimmersoul musizieren zahllose traditionsbewusste Soulmänner und -Frauen, die einem Stevie Wonder und Marvin Gaye wieder näher bringen.

Das sechsköpfige Kollektiv Jazzanova war bislang für die Verbindung von fortschrittlicher Produktion und Traditionsbewusstsein bekannt. Beim ersten Hören ihrer neuen Platte Of All The Things beschleicht einen das Gefühl, sie hätten sich nun ganz auf die Seite der Traditionalisten geschlagen. Waren ihre bisherigen Produktionen verschachtelte digitale Basteleien, haben sie nun zahlreiche echte Musiker in ihr neuerdings mit allerhand analoger Gerätschaft ausgestattetes Studio eingeladen. So klingt der Soul auf Of All The Things wie in den Sechzigern und Siebzigern.

Alles schon dagewesen also? Von wegen, Jazzanova gelingt es, etwas Neues zu schaffen, das den Geist des Originals atmet. Zum Einstieg grüßen lässig gehauene Congas, eine verhuschte Orgel und eine prägnante Gitarre. Phonte, der Sänger auf Look What You’re Doing To Me klingt wie Justin Timberlake und ein Isley-Bruder in einem. Hier geben sich Tradition und Moderne noch die Hand. Auf Let Me Show Ya dann wirbeln die Streicher, jubilieren die Bläser und singt der Chor der Engel als seien die Tage des symphonischen Soul nicht längst vergangen. Das Arrangement könnte von Curtis Mayfield sein, die Mischung aus ernsthafter Predigt und überkandideltem Himmelsversprechen ebenso. I Can See wiederum hat etwas von Northern Soul.

Jürgen von Knoblauch – einer der drei DJs bei Jazzanova – erzählt, dass jedes Stück auf Of All The Things eine Vorlage habe, ein Stück, aus dem etwas übernommen wurde, um daraus etwas Eigenes zu formen. Welches die Vorlagen sind, verrät er nicht. Manchmal ist es jedoch leicht zu erraten: Die Streicher des funkelnden Poplieds Lie stammen eindeutig aus Michelle von den Beatles.

Schwieriger ist etwa die Vorlage der elegischen Ballade Little Bird auszumachen. Dramatisch steigert sich das Stück bis zum Crescendo der Streicher. Rockin‘ You Eternally ist eine Coverversion – und der Komponist Leon Ware singt hier selbst. In den Händen von Jazzanova wird aus Rockin‘ You Eternally genau der deliriöse Schlafzimmer-Soul, den Leon Ware in den Siebzigern für Marvin Gayes Meisterwerk I Want You produzierte.

Und die Reise durch das Geschmacksuniversum Jazzanovas geht immer weiter: Hier ein butterweicher Abstecher in den HipHop, dann über beschwingten Jazz zum brasilianischen Pop. Das plüschige Dial A Cliche beschließt diese wunderbare Platte. Da hat man das Raten längst aufgegeben und genießt, wie Jazzanova den Vorbildern Tribut zollen und doch etwas Ebenbürtiges geschaffen haben.

„Of All The Things“ von Jazzanova ist auf CD und LP erschienen bei Verve/Universal.

Mehr von Jazzanova ist zu hören am Donnerstag, dem 06.11., um 22 Uhr beim Netzradio ByteFM an. Markus Schaper widmet der Band seine Sendung „60minutes“.

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Alles ist Rhythmus

Die Chilenin Dinky tanzt voraus: Ihre Clubmusik lebt von den Zwischentönen im Wumms. Auf „May Be Later“ türmt sie Klänge, deren Herkunft sich nur erahnen lässt

Ist das der Nachbar, der da brabbelt? Die Tür muss mal wieder geölt werden. Oder maunzt die Katze? Jetzt macht sie sich über die Töpfe her. Stimmen, Quietschen, Klappern: Es passiert viel in der Musik von Dinky. Der pochende Puls des Techno ist nur ein Klang von vielen.

Im Minimal-Techno herrscht eine neue Freiheit. Das stete Bum-Bum-Bum-Bum wird von Ellipsen überlagert. Klangschnipsel jeglicher Herkunft gesellen sich zu den guten alten Bekannten, zum geraden Wumms, zum rhythmischen Klavier. Da setzt der Taktschlag auch mal aus, ziehen Blaskappellen um die Häuser.

Der erfolgreiche DJ Ricardo Villalobos nahm sich mit seinen Produktionen einiges heraus und öffnete das Genre. Seine Stücke wurden immer länger und seltsamer, die Tanzenden liebten das. Wie Ricardo Villalobos wurde auch Dinky in Chile geboren, ihr bürgerlicher Name ist Alejandra Iglesias. In New York begann sie eine Karriere als Tänzerin und Choreografin. Am Tage tanzte sie, in der Nacht ließ sie tanzen. Nach dem 11. September 2001 änderten die Vereinigten Staaten ihre Visa-Politik, Dinky musste ausreisen. Seitdem lebt sie in Berlin.

Mehr noch als die Melodien liegen Dinky die Zwischentöne am Herzen. Als Kind hatte sie Klavierunterricht, heute hört sie häufig moderne Klassik. Ihr Album May Be Later sei von dem Pianisten Erik Satie inspiriert, erzählt sie. Sie schätze seinen Umgang mit Disharmonien, die eine Spannung hervorriefen, die im zeitgenössischen Pop oft fehle. Von Satie stamme auch die Idee, kleine musikalische Motive zu wiederholen – heute hilft dabei der Sampler.

Dinky füttert ihren Sampler mit frühem Jazz und Blues aus Chicago und afrikanischer Musik. Und auch wenn der Ursprung der Klänge auf May Be Leter sich meist nur erahnen lässt, liegt Dinky viel an der Tradition der Schwarzen Musik. Ihre Stücke orientieren sich nicht an der europäischen Funktionsharmonik, sondern an Mikrotonalität und Synkopen. Viele basieren auf orientalischen Skalen. Ihr Keyboard habe da so einen Schalter, erzählt sie, den habe sie einfach umgelegt, weil ihr der exotische Klang gefiel.

So klingt das Album ebenso wegweisend wie tanzbar. Durch Mars Cello eiert ein verfremdeter Gong, kehlige Stimmen wispern insektenhaft, Schaben und Rascheln erzeugen eine unheimliche Stimmung. Der stete Puls wird von Handklatschen und einem vibrierenden Bass begleitet. Burdelia klingt wie eine Samba-Schule im Weltall: Polyrhythmen umtänzeln Fiepgeräusche. Anders als Ricardo Villalobos erzeugt Dinky Dichte. Ihre Stücke sind sehr konzentriert. Hier mäandert nichts, hier wird geschichtet. Ein richtiges Lied gibt es auch, auf She Is Moving klingt der Sänger Big Bully wie Jamie Lidell.

Manchmal erinnert May Be Later an Brian Enos und David Byrnes Klassiker der Klangcollage, My Life In The Bush Of Ghosts. Eno und Byrne schufen damals im Jahr 1981 ein neues Verständnis von Weltmusik: Alles ist Klang! Aus allem lässt sich Musik machen! Die Geräusche, Stimmen und Instrumente aller Welt existieren gleichberechtigt nebeneinander. Dinky macht sich dieses Verständnis zu eigen: Man kann in ihre Stücke eintauchen und immer wieder Neues entdecken. Und man kann dazu tanzen, denn alles ist Rhythmus.

„May Be Later“ von Dinky ist als CD und Doppel-LP erschienen bei Vakant/Rough Trade.

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Endlich wieder Sauerstoff im Hirn

Vordergründig handelt „That Lucky Old Sun“ von Los Angeles, in Wirklichkeit aber von Brian Wilson. Zu den beschwingten Tönen seiner frühen Surf-Hymnen verarbeitet der ehemalige Beach Boy seine Enttäuschungen

Brian Wilson hatte eine ganze Menge zu verarbeiten, immer wieder knabberte er in den vergangenen zehn Jahren an den Themen seiner Vergangenheit. So brachte er das mit den Beach Boys im Jahr 1966 eingespielte Meisterwerk Pet Sounds auf die Bühne. Und vollendete das im Jahr 1967 unter traumatischen Umständen abgebrochene Konzeptalbum Smile. Auch sein neues Album That Lucky Old Sun legt die Spur in die Sechziger, zu den unbeschwerten Surf-Hymnen der Beach Boys in der Zeit vor Pet Sounds.

That Lucky Old Sun belebt den kalifornischen Traum. Die Lieder handeln von der gleißenden Sonne, den endlosen Stränden, vom Surfen, schnellen Autos und schönen Mädchen. Das Wilson diese Erzählungen fortsetzt, ist erstaunlich. Schließlich lebte – abgesehen von Dennis Wilson – keiner der Beach Boys in der Welt, von der sie erzählten. Die Brüder und Vettern waren arme Hinterwäldler aus einer dysfunktionalen Familie. Und der Traum war purer Eskapismus, eine offensichtliche Hollywood-Konfektion, die das musikalische Genie Wilson in den schönsten Farben ausmalte.

That Lucky Old Sun ist ein Konzeptalbum über Los Angeles. Kurze Erzählungen über die Stadt verbinden die Stücke. Brian Wilson hat sie mit Van Dyke Parks geschrieben, der stand ihm schon bei Smile zur Seite. Schon immer braucht Wilson einen Helfer, jemanden, der seine Gedanken in die richtigen Worte packt. Diese kurzen Geschichten vermitteln immerhin eine Ahnung der Kehrseite des kalifornischen Traums. Dem Ständchen an das Surfer Girl, das er bereits vor 45 Jahren besang, lässt er Zweideutiges folgen: „Venice Beach is poppin‘ / Like live shrimp dropped on a hot wok / Hucksters, hustlers and hawkers / Set up their boardwalk shops / Home for all the homeless, hopeless / Well heeled and deranged / Still nothing here seems out of place or strange.“

Um die Erzählungen herum komponierte Brian Wilson sonnige Lieder, die er gemeinsam mit seinem Keyboarder Scott Bennett betextete. In Morning Beat besingt Wilson den Rhythmus der Stadt in einer Suite aus pumpender Orgel, röhrendem Saxofon, Kastagnetten und Harmoniegesängen. Auch Good Kind Of Love klingt unbeschwert, Wilson spielt eine muntere Melodie auf seinem Piano, im Hintergrund wirbeln Streicher. Fort mit den Lastern, her mit der Melodie! Sorglos pflanzt er simplen Popliedern harmonische Raffinesse ein, das verleiht seinen eingängigen Melodien Langlebigkeit. Wie damals bei den Beach Boys: Man mag ihnen immer und immer wieder zuhören.

In der zweiten Hälfte der Platte wird offensichtlich, dass That Lucky Old Sun auch als Autobiografie Brian Wilsons verstanden werden muss. Und als Versuch der Befreiung von den Geistern, die ihn trieben. In Oxygen To The Brain beklagt er „I cried a million tears / I wasted a lot of years / Life was so dead, life was so dead.“ Im albernen Refrain schließlich jubiliert er, nun endlich gelange wieder Sauerstoff in sein Hirn. Deutlicher könnte der Hinweis auf die Jahre der Depression nach dem Abbruch der Arbeiten zu Smile nicht sein.

Midnight’s Another Day nimmt Bezug auf das Wirrwarr aus Drogen und Ambitionen, das die Beach Boys seit den Aufnahmen zu Pet Sounds begleitete. Wilson berichtet, wie er sich damals immer weiter in seine eigene Welt zurückgezogen hatte: „Swept away in a brainstorm / Chapters missing, pages torn / Waited too long to feel the warmth / I had to chase the sun.“ Es ist das einzige Stück, das direkt an die nachdenkliche Stimmung von Pet Sounds anknüpft. Sein Gesang klingt zerbrechlich, die Harmonie-Gesänge umschmeicheln seine Stimme.

Southern California fasst schließlich die himmlischen Harmonien und Träume noch einmal zusammen: „I had this dream / Singin‘ with my brothers / In harmony, supporting each other // Love songs, pretty girls – didn’t want it to end / Tried to slow down the motion, so it could move us again.“ Spätestens hier wird klar, dass es in That Lucky Old Sun vor allem um eines geht: Brian Wilson hat die kalifornische Sonne wieder gefunden. Er singt nicht vom Strand, sondern von seinem Traum des Strandes. Er verarbeitet seine Vergangenheit in wohlgeformten Harmonien. Schön, dass es ihm besser geht.

„That Lucky Old Sun“ von Brian Wilson ist auf CD und LP bei Capitol/EMI erschienen.

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New York umarmt die Welt

The Dodos finden eine Balance zwischen Monotonie und Poplied, zwischen Rhythmus und Hymnus. Ihr neues Album „Visiter“ erinnert an das Animal Collective.

The Dodos Visiter

Eine gezupfte akustische Gitarre und ein Banjo umtanzen einander, der Sänger fügt in weichem Timbre eine hymnische Melodie hinzu. Dann haut jemand abrupt in die Saiten, und der Schlagzeuger spielt einen tribalistischen Rhythmus. Das Stück Walking zeigt exemplarisch, wie die Musik der Dodos klingt.

Früher waren The Dodos nur ein Dodo Bird, das Solo-Projekt des Liedermachers Meric Long. Doch schon bald wurde Long die Konzentration auf den einfachen Song mit den autobiografischen Themen zu eng. Also begann er, mit Wiederholungen zu arbeiten. Sein Gitarrenspiel wurde minimalistisch, im Hintergrund liefen Bandschlaufen. Long beschäftigte sich mit westafrikanischen Rhythmen. In dem ehemaligen Metal-Trommler Logan Kroeber fand er schließlich einen Partner, der sowohl brutale Attacken beherrscht wie auch filigrane Perkussionsfiguren.

Dem Reiz der hypnotischen Monotonie sind schon so einige verfallen. Auf ihrem neuen Album Visiter kombinieren The Dodos den Gleichklang mit dem Gespür für die Liedstruktur. Die Introspektion des Sängers kippt von einem Moment auf den nächsten in einen mitreißenden Groove. An anderen Stellen entwickelt sich aus energetischem Gitarrengeschrammel eine beschwingte Melodie. Das erinnert ein wenig an das Animal Collective.

Man kann sich gut vorstellen, wie Long und Kroeber im Konzert davongetragen werden von den monoton hämmernden Elementen ihrer Musik. In anderen Liedern dominieren delikat gezupfte, zirkuläre Gitarrenthemen. In Eyelids ist der Gesang weich und harmonisch, auf Winter klingt er sonor rezitierend, The Season endet mit indianischen Stammesgesängen. Doch Long vertraut nicht allein auf die Wandlungsfähigkeit seiner Stimme, um das Ich-Ich-Ich des Jungen mit der Gitarre hinter sich zu lassen: Es gibt auch einen weiblichen Gegenpart, gesungen von Laura Gibson.

Es ist deutlich spürbar, wie Long und Kroeber ihre Klangwelt ständig erweitern. Auf Jodi verfallen sie in eine psychedelisch rockende Instrumentierung. Das klingt, als wollten sie wenigstens einmal die musikalische Geschichte ihrer Heimatstadt San Francisco erwähnen. Sonst orientieren sie sich eher am New Yorker Minimalismus und addieren hin und wieder ein bisschen Blues und Country. Auf diesem Weg entwickeln The Dodos eine Musik, die die ganze Welt umarmt.

»Visiter« von The Dodos ist als CD und Doppel-LP bei Wichita/Cooperative erschienen.

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