Reime aus dem schwarzen Block

Die Teenie-Band Nevada Tan aus Hamburg verkündet die Revolution. Den 13-jährigen Neffen unserer Autorin überzeugt das nicht.

Nevada Tan Niemand

Eine Armee von Spielzeug-Robotern begleitet Nevada Tan durch das Musikvideo zu Revolution. „Ständig werden wir in Schubladen gesteckt, zu oft analysiert, und Fehler werden mathematisch aufgedeckt, doch eure klar definierten Zahlen auf Papier spiegeln unsere Situation doch niemals wider. Heutzutage ziehen Kids schon mit 11 Pornos aus dem Netz, Pics von toten Irak-Soldaten verbreiten sich per MMS“, rappt Timo Sonnenschein. Und weiter: „Ich geb’n Scheiß auf eure Meinung, Ihr seid nicht wie wir und werdet es nie sein (…) Wir rennen auch ohne Rückenwind durch jede Wand.“ Am Ende setzt ein lieblicher Kinderchor ein.

Nevada Tan kommen aus Hamburg, ihre Zielgruppe sind die Teenager. Sechs Jungs zwischen 18 und 20, mit modischen Frisuren und hübschen Gesichtern. In professionellen Musikvideos treten sie bisweilen auf wie der schwarze Block und rufen die Revolution ihrer Generation aus. Frank Ziegler begleitet die Raps mit sanftem Gesang. Am Schlagzeug sitzt Juri Schrewe, Bass und Gitarre bedient Christian Linke, David Bonk das Klavier und eine weitere Gitarre. Der stets vermummte DJ heißt Jan Werner. Die Sechs sind Schüler oder haben die Schule gerade hinter sich, ihre Texte klingen wie Tagebucheinträge, manchmal traurig, manchmal wütend, manchmal peinlich.

Solchen musikalischen Mischmasch aus Gitarrenklängen, Synthetischem und Rap hat man schon anderswo gehört, nicht aber in dieser Jugendlichkeit. Hier hört man ein Nirvana-Riff (Vorbei), dort grummelt es düster wie auf den späteren Alben von Oomph!. Mal erinnern die Melodien an Nena. Die gelungenen Lieder wurden an den Anfang des Albums gesetzt, ab der Mitte wird es flau. „Hol‘ Nevada Tan an Deine Schule“, warb ihre Homepage kürzlich noch. Hamburg? Schule? Nein, mit der Hamburger Schule haben sie nichts zu tun.

Ein Testanruf beim 13-jährigen Neffen: Wie findest du Nevada Tan? Geht so. Sein Freund hat sie als Vorband der Killerpilze gesehen und fand sie ganz toll. Es gebe einige Jungs, die Nevada Tan gut fänden, die Mädchen in der Klasse stünden eher auf Tokio Hotel oder US 5. Was gefällt dem Freund daran? „Die klingen ein bisschen wie Linkin Park und mischen Raps rein, mein Freund macht auch Musik. Vielleicht deswegen, weil die so jung sind und trotzdem Musik machen.“ Man unterhalte sich nicht so ausführlich darüber. Hmm.

„Ich möchte niemals so werden, niemals so werden wie du“, heißt es im Lied über den Vater, der die meiste Zeit in der Firma verbrachte und mit seiner Sekretärin ein Kind zeugte. Die sechs Musiker wollen sich nichts sagen lassen von „Schule, Eltern, Staat“. Ach, süße Jugend! Das Schlimmste kommt doch noch: Die Arbeits(losen)welt. Die Jungs ahnen es bereits, sie singen „Wir werden tagtäglich überschwemmt, von Lügen ertränkt, und merken schon früh: Wir kriegen nichts geschenkt.“

„Niemand hört dich“ von Nevada Tan ist bei Vertigo/Universal erschienen.

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Süßer Zauber

Tokio Hotel wirbeln Hormone und Geschlechterstereotypen durcheinander. Mädchenherzen schlagen höher, und die Jungs sind eifersüchtig, weil der Sänger Bill Kaulitz so gut bei den Altersgenossinnen ankommt.

Neulich in der U-Bahn: drei Mädchen in Hüftjeans, elf oder zwölf Jahre alt. Die eine hört Musik über ihren MP3-Player und sagt: „Ich kann schon jedes Lied auswendig, die neue Tokio Hotel ist soo geil, ich hör sie immer voll laut!“ Die anderen nicken zustimmend und wollen über den zweiten Ohrstöpsel mithören.

Können Horden weiblicher Fans irren? Ein Blick in die Fachpresse zeigt: Tokio Hotel aus Magdeburg sind schwer angesagt. Es gibt Poster, Aufkleber, Postkarten und noch mehr Poster in der Bravo, der Popcorn und anderen bunten Blättchen. Stets im Mittelpunkt steht der androgyne Sänger Bill Kaulitz, mittlerweile schon siebzehn Jahre alt. Seine Augen sind dunkel geschminkt, seine Fingernägel schwarz lackiert, sein Stil ist punkig und angegruftet.

„Dann lieber aussterben – Vier gute Gründe gegen Kinder“, titelte das Satire-Magazin Titanic mit einem Bild von Tokio Hotel, nachdem der Band mit dem Kitschlied Durch den Monsun im Sommer 2005 der Durchbruch gelungen war. Auf den Ohrwurm folgten ein millionenfach verkauftes Album und viele, viele ausverkaufte Konzerte. Bill Kaulitz und sein Zwillingsbruder Tom – der mit den langen Dreadlocks – waren damals 15 Jahre alt, der Schlagzeuger Gustav Schäfer 16 und de Bassist Georg Listing 17. Posieren konnten sie schon wie die Großen, auch wenn sie in Interviews altersentsprechend kicherten und herumalberten.

Im Beiheft zum neuen Album Zimmer 483 werden Tokio-Hotel-Trägerhemdchen mit Spitze beworben, die passenden Klingeltöne kann man gleich mitbestellen. Jungsklamotten gibt es nicht, denn männliche Teenies finden Tokio Hotel „krass schwul“. Sie sind wohl eifersüchtig und irritiert, weil der Sänger Bill Kaulitz mit seinen zarten Gesichtszügen so gut bei den Mädels ankommt. Sein Äußeres ist ein Gegenentwurf zu den Gangsta- und Macho-Posen von Bushido und Konsorten, es wird als Provokation wahrgenommen. Dass Männer (auch jenseits der Adoleszenz) zumeist angewidert auf androgynes Zurechtmachen reagieren, ist ein Phänomen, mit dem die Gothic-Szene schon lange zu kämpfen hat.

Tokio Hotel machen allerdings keine Gothic- oder Punk-Musik, sondern Teenie-Poprock mit vielen schmusigen Jammerrefrains. Das lässt die Mädchenherzen trommeln. Auf Konzerten kreischen sie und fallen reihenweise in Ohnmacht. Warum bloß? Zur Zeit von Elvis rüttelte der Rock’n’Roll noch an den Kellertüren, hinter denen man die weibliche Sexualität versteckt und weggesperrt hatte. Aber heute? Vermutlich ist die Sexualität junger Mädchen im Hier und Jetzt auf eine andere Weise eingezwängt, oder das Kreischen ist einfach zu einer Tradition geworden. „Schrei! – bis du du selbst bist, schrei so laut du kannst!“, sangen Tokio Hotel auf ihrem Debütalbum und fassten den jugendlichen Drang auszubrechen in eingängige Zeilen. Höhepunkt des aktuellen Albums ist nun das Stück Ich brech aus.

Die Band lebt vom süßen Zauber der Jugend, und natürlich ziehen im Hintergrund Erwachsene die Fäden. Das macht die Musik professionell und zahm. Nur an wenigen Stellen blitzen wütende Gitarren mit hämmerndem Schlagzeug hervor. Sie lassen hoffen, dass Gustavs Exploited-T-Shirt und Bills Nieten keine leeren Versprechen sind.

„Zimmer 483“ von Tokio Hotel ist erschienen bei Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Ich brech aus“

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Zu viele Glückspillen

„Du sagst, mein Lied hat keinen Sinn. Ich sage, doch – den, dass ich glücklich bin“, trällert Inga Humpe auf dem neuen Album von 2raumwohnung. Dazu kann man sehr gut den Frühjahrsputz machen.

2raumwohnung 36 Grad

Der Geschirrberg droht umzukippen, das Badezimmer wartet auf den Wischmob. Auf den Büchern liegt Staub, und die Gardinen gehören in die Waschmaschine. Keine Lust, sich um den Haushalt zu kümmern? Ein Fall für das neue Album von 2raumwohnung! Da kommt sie von ganz allein, die Leichtigkeit, mit deren Hilfe man freudig Fenster putzt und Kacheln und Töpfe reinigt. Inga Humpe und Thomas Eckarts neue Lieder machen das Leben locker, wer würde da noch vor ein bisschen Hausputz zaudern?

Auf dem großartigen Debütalbum Kommt zusammen sang Frau Humpe noch „Immer wenn ich glücklich bin, dann weiß ich schon, es wird nicht für immer sein“. Tanzbare Perlen der Popmusik waren es, positive Lebenseinstellung und Melancholie genau richtig gemischt. Und ihr Gesang war wunderbar lässig. „Das Leben ist mal wieder hart. Komm, bleib weich“, war ihre Antwort auf die Verbissenheit der Gegenwart. Diese schlichten Zeilen aus dem Jahr 2001 bestechen. Das neue Album 36 Grad klingt dagegen, als habe das Berliner Duo ein paar Glückspillen zu viel geschluckt. Die Texte sind zahm und die Musik geschliffen. Wir hätten es wissen müssen, Peter Plate und Ulf Leo Sommer von Rosenstolz haben am Album mitgearbeitet, das erhöht den Weichspül-Faktor.

Inga Humpe und ihre Schwester waren einst die Neonbabies. 1979 schufen sie mit dem Lied Blaue Augen einen Klassiker der Neuen Deutschen Welle bzw. Punkmusik. Es folgten wütende Lieder. Über die Jahre jedoch scheint Inga Humpe gelassener geworden zu sein. Heute ist sie 51 Jahre alt, genießt ihr Leben und bastelt mit Thomas Eckart zu Hause am Elektropop. „Wir müssen uns 2raumwohnung als glückliche Menschen vorstellen“, schreibt Thomas Winkler in der tageszeitung. Ja, das müssen wir wohl. Das wirkliche Leben kann draußen bleiben, ernste Themen finden hier nicht statt. Müssen sie ja auch nicht, alles eine Frage der Einstellung. „Du sagst, mein Lied hat keinen Sinn. Ich sage, doch – den, dass ich glücklich bin“, singt sie im Stück La La La. Es sei den beiden gegönnt, immerhin helfen sie uns beim Hausputz. Und wenn wir den schaffen, dann schaffen wir auch alles andere.

„36 Grad“ von 2raumwohnung ist als CD und Doppel-LP erschienen bei it sounds/Labels/EMI

Hören Sie hier „Besser gehts nicht“

2raumwohnung sind im März 2007 auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz

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No Krach-Kunst, Baby!

Über die Jahre (21): Es ist das Jahr 1990. Goo spannt ihrer Schwester den Freund aus. Sie töten gemeinsam ihre Eltern und fliehen. Zum Abschied drückt sie einen pinkfarbenen Kuss an die Wand

Sonic Youth Goo

Eine Pop-Art-Zeichnung ziert die Hülle von Goo: Ein Pärchen mit Sonnenbrillen, er hat seinen Arm lässig auf ihrer Schulter abgelegt, sie raucht. „I stole my sister’s boyfriend. It was all whirlwind, heat, and flash. Within a week we killed my parents and hit the road“, steht daneben. Auf der Rückseite hat das Mädchen namens Goo einen Kuss hinterlassen, einen Abdruck von pinkfarbenem Lippenstift. Die Elemente der Plattenhülle sind mit Tesafilm zusammengeklebt, das kann man noch sehen. Eine schöne Hülle für ein schönes Album, aus einer Zeit, in der noch nicht jede Grafik am Computer produziert wurde. Das Motiv wurde tausendfach auf T-Shirts gedruckt, die Musik durfte Anfang der Neunziger in keiner Indie-Disko fehlen.

In den Liedern von Sonic Youth wechseln sich Lärmwände, experimenteller Krach und feine Melodien ab. Die Stücke auf Goo neigen zur Melodie, jedes einzelne ist ein tanzflächentauglicher Brillant. Damit unterscheidet es sich von vielen ihrer Alben, die mit ihren unvermittelten Lärmexperimenten immer wieder daran erinnern: Dies ist Krach-Kunst, Baby!

Goo war das erste Album, das Sonic Youth bei der großen Plattenfirma Geffen herausbrachten. Lee Ranaldo an der Gitarre, Steve Shelley am Schlagzeug, das Paar Thurston Moore und Kim Gordon singt abwechselnd. Thurston Moores Stimme zur Gitarre ist schön, aber die Lieder, die Kim Gordon singt oder spricht, sind besser: mal sanft, mal nölig, aber immer lässig und eine Spur gelangweilt.

Sie wird Jahr für Jahr attraktiver und zeigt souverän, dass man mit über 40 immer noch ein Punkmädchen sein kann, jenseits aller Klischees. Sie war und ist ein Rollenmodell anderer Art. Statt ihren Körper in den Vordergrund zu rücken, kümmert sie sich um ihren Bass und singt. Körperliches findet nebenbei statt, ihre Sinnlichkeit transportiert sie über den Gesang.

Die New Yorker Band arbeitet seit 1981 im Krach-Werk. Sie kultivierte mit ungestimmten und umgestimmten Gitarren etwas, das bei ihren Vorbildern Iggy & The Stooges und Velvet Underground seinen Anfang nahm. Mittlerweile sind Sonic Youth nicht nur Eltern, sondern auch so etwas wie die großen Geschwister unzähliger Musikhörer und Übungsraummugger. Und immer noch versprühen sie die Coolness des Paares auf der Hülle von Goo.

„Goo“ von Sonic Youth ist im Jahr 1990 bei Geffen/Universal erschienen und kürzlich als Doppel-CD bzw. Vierfach-LP mit ergänzenden Aufnahmen wiederveröffentlicht worden.

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Kool Thing“, das Sonic Youth gemeinsam mit dem Rapper Chuck D von Public Enemy aufgenommen haben

Lesen Sie hier eine Besprechung des letzten Sonic Youth-Albums „Rather Ripped“

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(20) Flanger: „Spirituals“ (2005)
(19) DAF: „Alles ist gut“ (1981)
(18) Gorilla Biscuits: „Start Today“ (1989)
(17) ABC: „The Lexicon Of Love“ (1982)
(16) Funny van Dannen: „Uruguay“ (1999)
(15) The Cure: „The Head On The Door“ (1985)
(14) Can: „Tago Mago“ (1971)
(13) Nico: „Chelsea Girl“ (1968)
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Nichts ist gut

Über die Jahre (19): Mit den Spaßvögeln der Neuen Deutschen Welle hatten DAF nichts zu tun. Sie provozierten Anfang der Achtziger mit rebellischen deutschen Texten und ihrem Faible für Schweiß, Erotik und Maschinen

DAF Alles ist gut

Stakkatohafter Sprechgesang, düstere Zeilen im Kommandoton vorgetragen: „Sei still. Schließe deine Augen. Denn alles ist gut.“ Im Anti-Einschlaflied Alles ist gut ahnen wir schon: Nichts ist gut.

Mit der Single Der Mussolini gelang der Gruppe Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) im Jahr 1981 der Durchbruch. Wie ein Tanzlehrer fordert der Sänger Gabi Delgado dazu auf, den Mussolini, den Adolf Hitler, den Jesus Christus und den Kommunismus zu tanzen, sich dabei nach rechts und nach links zu drehen, in die Hände zu klatschen und die Hüften zu bewegen. Sie wollten die Bösen sein, sie provozierten.

Kaum zwei Jahre zuvor hatten DAF ihren ersten Auftritt in Düsseldorf gehabt, da waren sie noch zu fünft. Nach und nach entledigten sich Robert Görl und Gabi Delgado der Kollegen. In Jürgen Teipels Dokumentation Verschwende Deine Jugend sagt Robert Görl: „Wir wollten viel lieber mit Maschinen arbeiten.“ Als 1981 ihr drittes Album Alles ist gut erschien, waren DAF nur noch zu zweit und mit dem Mussolini berühmt geworden.

Gabi Delgado war mit acht Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland gekommen, im Interview mit Teipel erklärt er: „Mich hat der Umgang mit der deutschen Sprache fasziniert. Deshalb wollte ich unbedingt aggressive Musik mit deutschen Texten machen. Ich dachte: ‚Das passt so gut mit der deutschen Sprache!‘ Wir haben uns bald mehr für Dadaismus interessiert als für Punk. Und haben seltsame Analogien entdeckt. Vor allem in den ganzen Manifesten. Dieses revolutionäre Element: ‚Wir machen jetzt wirklich was anderes und sprengen damit die Gesellschaft. Oder schockieren die zumindest.’“

DAF machten trotzige Lieder ewig rebellierender Adoleszenter und waren die Meister der Monotonie und des tanzbaren Minimalismus. Endlos reihten sie Tonschleifen aneinander, kombinierten analoge Schlagzeugklänge mit harter Elektronik und sonderbaren deutschen Texten. In ihrem militärischen Auftreten verbanden sie Erotik, Maschinen und faschistische Ästhetik. Sie waren eine zweifelhafte Avantgarde, in ihren Fußstapfen folgten ganze Generationen von Electronic-Body-Music– und Techno-Formationen.

Ein Jahr nach Erscheinen von Alles ist gut lösten sich DAF auf. Rund 20 Jahre später konnte man sie wiedersehen, zum Beispiel auf einem Gothic-Festival in Leipzig: Mit neuen und alten Liedern in einer großen Halle mit schlechtem Sound. Gabi Delgado brüllte den ganzen Auftritt lang, von der erotischen Stimme auf den Schallplatten und Kassetten war kaum etwas übrig geblieben. Manchmal ist es besser, wenn Helden ihren Mythos nicht entzaubern. Denn wer Lieder geschrieben hat, die Verehrt Euren Haarschnitt oder Verschwende Deine Jugend heißen, muss ein Held bleiben.

„Alles ist gut“ von DAF ist 1981 erschienen und erhältlich über EMI

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Der Mussolini“

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(18) Gorilla Biscuits: „Start Today“ (1989)
(17) ABC: „The Lexicon Of Love“ (1982)
(16) Funny van Dannen: „Uruguay“ (1999)
(15) The Cure: „The Head On The Door“ (1985)
(14) Can: „Tago Mago“ (1971)
(13) Nico: „Chelsea Girl“ (1968)
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
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(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Mut zum Ekel

„Völkerball“ ist eine Reise in die phallisch-morbiden Abgründe des männlichen Daseins. Wie üblich hämmern sich Rammstein auf der Live-DVD augenzwinkernd durch ein stumpfsinniges Gewitter aus Licht und Feuer

Rammstein Voelkerball

Wenn Sänger Till Lindemann auf die Bühne tritt, dann beginnt ein Schauspiel. In volkstümlichen Lederhosen marschiert er auf und ab, die Kampfstiefel kniehoch geschnürt. Sein Gesicht ist schmierig grau, seine Lippen und Augen schwarz geschminkt. Dann spuckt er ein paar Zähne aus und fängt zu singen an. Die Gesten sind groß, die Mimik überzeichnet – wie in alten Stummfilmen. Er spielt den Irren, den Roboter, den Soldaten. Reißt die Augen und den Mund auf, ohrfeigt sich selbst oder schmiegt sich Trost suchend an die schmale Schulter des Keyboarders.

Auf der DVD Völkerball mit Aufnahmen aus Nîmes, London, Tokio und Moskau kann man sehen, wie Rammstein Menschenmassen bewegen: Mit Schweiß, Feuer, Blut, einem Metallgewitter aus Licht und Pyroshow und deutschem Gesang mit rollendem R. Ihre Lieder sind brachial, die Melodien simpel, die Texte behandeln oft Tabuthemen. Ihre bombastische Selbstinszenierung lebt von Morbidität, martialischer Männlichkeit, Pathos und Elementen der faschistischen Gewaltästhetik. Die einprägsame Plattheit ist das Geheimnis ihres Erfolges.

Schon das slowenische Künstlerprojekt Laibach rollte in den frühen achtziger Jahren das R düster. Die Krupps aus Düsseldorf und später Oomph! aus Wolfsburg verbanden harte Düsternis mit metallastigen Gitarren, elektronischen Klängen und provokanten deutschen Texten. Rammstein machten aus diesen Nischenphänomen der Gothic-Szene massenkompatible Popkultur. 1995 waren sie Vorgruppe von Projekt Pitchfork, kurze Zeit später nahm der Regisseur David Lynch zwei Stücke von ihnen als Filmmusik zu Lost Highway. International wurden sie erfolgreich, weil sie so „deutsch“ sind.

Ein Rammstein-Album zu hören, verschafft Unbehagen. Schuld daran sind eher die grässlichen Texte als die Musik. Rammsteins Augenzwinkern kann nur funktionieren, wenn man sie sieht. Die persiflierenden Nuancen ihres teutonischen Auftretens gehen unter, wenn man sie nur hört. Männerhorden, die das Lied Rein, Raus singen und den gebrochenen martialischen Männerkult von Rammstein nicht spiegeln, sind unerträglich. Überhaupt sind es die Massen der Fans, die bei Rammstein das Beängstigende ausmachen. Sie singen alle Texte mit, sind verzückt, rasen, tanzen. Wenn die Menschen in der Arena von Nîmes zu dem Marschlied Links 2 3 4 und Ich will gleichzeitig den rechten Arm zum „bösen“ Metaller-Gruß heben (der Zeigefinger und kleine Finger bilden die Teufelshörner), muss das dem halbwegs abgeklärten Betrachter eine Gänsehaut verschaffen. Wer hätte gedacht, dass Franzosen, Engländer, Japaner, Russen so gut deutsche Lieder singen können?

Langweilig wird einem beim Zusehen nicht, rund 100 Leute arbeiten daran, dass bei Rammstein-Konzerten Stroboskop, Pyrotechnik und Lichtshow zeitlich perfekt auf die Musikstücke abgestimmt den Auftritt zu einem Spektakel machen. Je mehr Feuer verpulvert wird, desto mehr sieht man von den durchtrainierten schweißigen Oberköpern der sechs Herren: Till Lindemann als Hauptdarsteller, Richard Z. Kruspe und Paul Landers an den Gitarren, Oliver Riedel am Bass und Christoph Schneider am Schlagzeug sind die Harten, Keyboarder Christian Lorenz spielt als schlaksiger Komiker mit Brille und Sturzhelm den Gegenpol. Mal macht er einen stokeligen Schuhplattler, mal muss er im dampfenden Riesen-Kochtopf sitzen und von da aus das Keyboard bedienen, bis ihn der Sänger in blutverschmutzter Schürze und Kochmütze mit einem Messer und einem Flammenwerfer aus dem Topf jagt. Mein Teil heißt das Stück und besingt kannibalistische Geschmacksverirrungen. Mut zum Ekel: Lindemann läuft das Blut aus dem Mund, während er den brennenden Keyboarder verfolgt. Frauen kommen bei Rammstein lediglich als Engelschor zum Einsatz oder dürfen als spärlich bekleidete Tänzerinnen zu Moscow Special vor 7000 russischen Fans ihre Hüften wiegen und singen.

Ob die sechs Musiker wissen, was sie da tun, bleibt unklar. Es sind vermutlich Kumpels, die einfach machen wollten, was ihnen Spaß macht, und festgestellt haben, dass man damit viel Geld verdienen kann. In der Dokumentation Anakonda im Netz von Mathilde Bonnefoy sagt der Gitarrist Kruspe: „Das sind so viele Spielereien, die man macht, weil man denkt, dass sie gut aussehen oder dass man irgendwie cool ist. Wahrscheinlich ist das völlig lächerlich.“ Und Till Lindemann: „Ich mag das nicht, wenn ich angeguckt werde, ich vermeide das. Ich suche mir so’n Punkt hinten, meistens den Mann vom Mischpult.“

„Völkerball“ von Rammstein besteht aus CD und DVD und ist in drei Versionen erhältlich bei Universal

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Der nächste Tonträger erscheint am 3. Januar 2007

 

Schreib auf meinen Po

Mit hohen Hacken und zur Schau getragenen Blessuren inszeniert sich die Berlinerin Trost auf „Trust Me“ als Diva und Mädchen zugleich. Ihr Spiel mit Männerphantasien wandelt auf schmalem Grat, klingt aber klasse

Cover Trost

Auf hohen Absätzen und im kurzem Rock stöckelt sie auf die Bühne, drückt energisch auf ein paar Knöpfe am Sampler und beginnt ihre verstörende Aufführung. Sie überschüttet sich mit einer Flasche Rotwein und wälzt sich über die Bühne. Sie kramt einen Hula-Hoop-Reifen hervor und schwingt ihn rasant um die Hüfte zum Rhythmus der schön schlecht aufgenommenen elektronischen Musik.

Ich sehe Annika Trost im Jahre 2003 zum ersten Mal. Mit der überhohen und nervig kieksenden Stimme einer Göre singt sie und klopft sich zum Lied Tattoo Your Name On My Ass auf den Hintern. Souverän tritt die junge hübsche Frau mit Betty-Page-Frisur auf und provoziert Männerphantasien. Eine Sexbombe! Das Publikum verstummt, ich bin beeindruckt.

Zwei Jahre darauf: Mit hohen Erwartungen besuche ich das Konzert von Cobra Killer, dem Duo aus Trost und Gina V. D‘Orio. Aber wie wackelig ist die Balance zwischen Souveränität und Lustobjekt jetzt! Annika Trost steckt das Mikrofon tief in den Mund, ihre Kollegin trägt ein Kleid, das die Hälfte des Pos freilässt. Die Männer im Publikum pfeifen und grölen und folgen mit leuchtenden Augen einer Show, die in den Medien als „sexy“ angepriesen wird. Das Konzept kippt, funktioniert nicht mehr. Niemand scheint mehr auf die Musik zu achten, die aus einer Maschine am Bühnenrand kommt und richtig gut ist.

Nun hat sie ihr zweites Soloalbum, Trust Me, aufgenommen. Dafür hat sie sich mit erfahrenen Musikern umgeben, Thomas Wydler von Nick Caves Bad Seeds ist dabei und F.J. Krüger von Ideal. Herausgekommen ist eine Mischung aus Filmmusik, tanzbaren, elektronischen Liedern mit Gitarre, Schlagzeug und Klavier. Manche Lieder werden von Cello, Posaune und Kontrabass veredelt. Auf deutsch, englisch und französisch singt Trost mal mädchenhaft lieblich, mal kühl von Selbstzweifeln, flüchtiger Geborgenheit und Liebe. Besonders gelungen ist das Stück Cowboy, das an Filme aus den sechziger Jahren erinnert. Oder das humorvolle In diesem Raum oder Filled With Tears, ein tristes Gute-Nacht-Lied zur letzten Ruhe.
Das Mädchen mit den zur Schau getragenen Blessuren, die sie sich auf der Bühne zugezogen hat, gibt auf ihrem neuen Album die Diva mit schmuddeligem Fußverband, brilliant fotografiert an der Seite eines ausgestopften Schwans. Das passt zu der düsteren Stimmung von Trost, ihrer hörenswerten Musik.
„Trust Me“ von Trost ist als CD erschienen bei Four Music

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Taschentücher für den Mann in Schwarz

Da ist kein Kitsch und keine Scham: Auf „A Hundred Highways“ singt Johnny Cash seine letzten Lieder, rau und direkt. Die Abschiedsgesänge sind ergreifend und traurig. Und manchmal kaum zu ertragen

Cover Hundred Highways

Mit Tränen in den Augen sitze ich auf dem Bett und suche Taschentücher. So viel Todesnähe spürt man selten in Musikstücken – da ist kein Kitsch, keine Scham. Die Lieder sind traurig und ergreifend, die Stimme vom Alter brüchig und immer noch eindringlich. Der Mann, der da singt, blickt voller Ruhe dem Tod ins Auge. Sein Abschiedsgesang lässt mich innehalten, ich kann ihn kaum ertragen.

Johnny Cash ist 2003 gestorben. Über ein halbes Jahrhundert lang hat er Lieder aufgenommen. Man muss kein Liebhaber des Genres sein, um den King of Country-Music zu mögen, eigentlich war er gar kein typischer Country-Musiker. Er war ein einsamer Rebell, der „Mann in Schwarz“. Er erzählte Geschichten vom Leben der Unterprivilegierten, vom Tod, von Gott und seelischen Abgründen. Einige seiner letzten Aufnahmen mit dem Produzenten Rick Rubin, der ihn Anfang der Neunziger Jahre aus der Versenkung geholt hatte, sind auf dem Album American V – A Hundred Highways versammelt. Zwölf Lieder, auf das Wesentliche reduziert: Johnny Cash und seine raue Stimme, zurückhaltend begleitet von einer Gitarre. Auf manchen Stücken ist auch ein Cembalo, eine Orgel und ein Klavier zu hören.

Warum nur stimmt mich dieses Album so schrecklich traurig? Elvis Presley war schon tot, als ich seine Musik wahrnahm, ich musste ihn nicht verabschieden. Johnny Cash aber war immer da, spielte unermüdlich über die Jahre. Und obwohl er nie einer meiner ganz großen Helden war, schätzte ich ihn immer. Er hat mich begleitet, vielleicht fällt der Abschied deshalb so schwer.

Cash thematisierte seinen nahenden Tod immer wieder. In dem Musikvideo zu Hurt sah man ihm 2002 seine Gebrechen deutlich an. In Bildern rauschen hier Stationen seines Lebens vorbei und er zieht Bilanz: Wenn er sein Leben erneut zu meistern hätte, er würde alles wieder genau so machen. Das ist vermutlich das Schönste, was man am Ende eines Lebens sagen kann.

Seine große Liebe und zweite Ehefrau June Carter stirbt im Mai 2003, Cash folgt ihr nur wenige Monate später, im Alter von 71 Jahren. Kurz zuvor, von schwerer Krankheit gezeichnet, besingt er den Tod im letzten Lied, das er selbst geschrieben hat: Like The 309. Einsam und müde bittet er Gott um Hilfe in Help Me und interpretiert das tragische Hank Williams-Stück On The Evening Train, in dem die Geliebte im Abendzug für immer „nach Hause“ gebracht wird. Johnny Cash nimmt Abschied. In Würde und in Schwarz.

„American V – A Hundred Highways“ von Johnny Cash ist als LP und CD erschienen bei Mercury/Universal

Hören Sie hier „Help Me“

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