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Däumlinge heben den Zeigefinger

Die Welt geht zugrunde, und die drei Bowerbirds aus North Carolina zwitschern dagegen an. Walther von der Vogelweide hätte seine Freude dran gehabt

Es raschelt im Gras, da erhebt sich etwas über die Halme. Still! Hören wir ein bisschen zu, horchen wir auf den Balzruf dieses unbekannten Vogels.

Ein Abgleich mit dem Handbuch der Hobby-Ornithologen verrät: Es ist ein seltener Laubenvogel, verwandt mit dem Paradiesvogel. Er ist anderen Sängern nicht nur um drei Armschwingen voraus, nein, auch sein Gehirn ist größer als das der Artgenossen. Ach, auf Englisch heißt er Bowerbird.

Da! Jetzt! Unter seinen prächtigen Fittichen kriecht ein Däumlingspaar hervor, noch ein dritter kommt hinzu. Sie singen ein Lied mit Akkordeon, Gitarre und großer Trommel. Der Däumlingsmann zwitschert von zwitschernden Grasmücken und Spatzen, wie sie ihre zarten Stimmen erheben gegen die donnernden Eisenpferde auf der Autobahn.

Ja, die drei Däumlinge, nennen wir sie ruhig Bowerbirds, halten mit ihrer Klage nicht hinter der Schallschutzmauer. Fahrlässig gingen die Menschen mit der wunderreichen Natur um. Der Anführer des Trios, Phil Moore, zupft die Saiten und trägt pathetische Worte im luftigen Klanggewand vor: „There is hate in the grip of our human hands.“

Aber man kennt das ja von Kobolden, Klabautermännern und Däumlingen: Stets wollen sie das Gute – dem Geschöpf die leidige Existenz erleichtern. Da schwingt auch mal der Zeigefinger. Besonders in Amerika, der Heimat unserer Drei, haben sich viele dieser regressiven Enthusiasten versammelt. Man nennt sie das Folk-Volk.

Hierzulande, da Naturkunde bereits im Kindergarten unterrichtet wird, vermögen die Einsichten der Bowerbirds kaum zu überraschen. Wer ihrer Moral überdrüssig ist, schalte sein Sprachzentrum aus und erfreue sich an der Musik:

Beth Tacular schlägt die Standpauke, es rasselt der Schellenkranz, Geigen zittern im Wind. Phil Moore erhebt seine feine Stimme über den Lautenton. Die Instrumentierung ist schlicht und analog wie ein Holzpantoffel, doch wallt das Gefüge in frischen Brisen. Der Gesang – mal monodisch, mal im Chor – nimmt sich alle Freiheiten in Melodie und Rhythmus.

Hymns For A Dark Horse heißt die erste Liedersammlung der Bowerbirds. Hymnen auf den Wind in den Weiden, der dem Hörer eine Handvoll singender Flöhe ins Ohr weht, die so schnell nicht wieder herauskrabbeln. Beinah klingt das Trio wie eine fahrende Renaissance-Kapelle. Walther von der Vogelweide wäre zweifellos mit ihnen gereist, nicht nur ihres Namens wegen.

Wie alt werden Däumlinge eigentlich? Möglicherweise haben diese Drei gar schon 700 Jahre auf dem Buckel! Keine Frage, sie wünschen sich zurück in eine Zeit, in der die Menschen noch wussten, wie sehr sie auf die Natur angewiesen sind. Der Zivilisationsprozess hat dieses Wissen zu einer Ahnung verkümmern lassen, so geht die Welt zugrunde. Das ist ihre Botschaft. Vielleicht nimmt Al Gore sie unter seine Fittiche.

„Hymns For A Dark Horse“ von Bowerbirds ist auf CD und LP bei Dead Oceans/Cargo erschienen.

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Der Obstbaum trägt Früchte

Über die Jahre (37): Nick Drake starb jung und verzweifelt. Er hinterließ drei großartige Folk-Alben, die die Welt erst 30 Jahre später zu schätzen lernte.

Nick Drake Fruit Tree

Ruhm ist nur ein Obstbaum,
So verdorben und morsch.
Er kann nicht gedeihen,
Bis sein Stamm im Erdreich steckt.

Obstbaum, Obstbaum,
Dich kennen nur Regen und Wind.
Doch sorge dich nicht: Sie werden kommen
Und staunen, wenn du vergangen bist.

Nick Drake war nicht einmal 20, als er diese Worte sang. Sind es bloß Worte eines larmoyanten Literaturstudenten, oder schwingt in ihnen eine dunkle Vorahnung? Musste Drake mit 26 sterben, damit die Welt ihn drei Jahrzehnte später vermissen würde?

Er hinterließ drei Alben, die heute als herausragende Werke des britischen Folk gelten. Doch damals, Anfang der Siebziger, galten sie wenig. Drakes Platten verkauften sich kaum zu seinen Lebzeiten. An Fahrt gewann die Sache erst im Jahr 2000, als VW den unheilvollen Pink Moon missbrauchte, um den Werbespot für die neue Generation Golf auszuleuchten.

Es half Nick Drake also ein kulturelles Missverständnis, das große, junge Publikum zu erreichen, das er sich immer gewünscht hatte. Um den Jahrtausendwechsel erschienen Biografien, Dokumentationen und Wiederveröffentlichungen seiner Musik. Drake zu Ehren moderierte Brad Pitt eine Radiosendung in der BBC, das Album Pink Moon erreichte Platz 5 der Amazon-Hitparaden, der englische Guardian ernannte die Platte Bryter Layter zum besten Alternative-Album aller Zeiten, und der New Musical Express erkor Northern Sky zum schönsten Liebeslied der Moderne.

Am 19. Juni 2008 hätte Nick Drake seinen 60. Geburtstag feiern können, wäre ihm das Leben nicht zur Last gefallen. Eines Morgens im November 1974 wachte er nicht mehr auf – er hatte zu viele Tabletten genommen.

Von der Enttäuschung, die ihn zerfressen hatte, zeugt eines seiner letzten Lieder:

Warum lasst ihr mich warten auf diesem Stern,
wenn ihr so viel von mir haltet?
Warum lasst ihr mich segeln auf offener See,
wenn ihr mich doch so deutlich hört?

Viele Musiker verehrten ihn. Sein Entdecker und Mentor Joe Boyd, der damals auch Fairport Convention und die Incredible String Band produzierte, nannte ihn ein Genie. Umso ernüchternder waren die Reaktionen des Publikums: Kaum jemand kaufte seine Platten, denn kaum jemand wusste von ihnen. Nick Drake gab keine Interviews, und die Radioredaktionen waren nicht sehr begeistert von ihm. Seine wenigen Bühnenauftritte waren Katastrophen: Die Zuschauer wurden unruhig, wenn er nach jedem Lied sorgfältig seine Gitarrensaiten umstimmte. Sie fingen an zu reden, und Drake verließ die Bühne, ohne sich verbal zu wehren. Er wehrte sich mit seiner Musik – nicht auf der Bühne, sondern im Studio.

Seine Lieder atmen einen unvergänglichen Zauber. Auf ihnen ruht eine schwere Tristesse, und doch verbreiten sie ein Gefühl der Hoffnung. Nick Drake schafft eine Spannung, in der Dissonanzen wohl klingen. Das Album Five Leaves Left (1969) enthält seine frühen Stücke, wie das prophetische Fruit Tree. Mit 17 hatte er eine Gitarre gekauft und sich eine virtuose Spieltechnik angeeignet. Zwei Jahre später schrieb er seine ersten Lieder und nahm sie mit Joe Boyd auf.

Drake war umgeben von Klangexperten, mit deren Hilfe er aus schlichten Kleinodien funkelnde Schmuckstücke schmiedete. Hier saß jeder Ton, jeder Akkord fand seine Entsprechung im Text, jede Metapher lenkte das Arrangement – beeindruckendes kompositorisches Handwerk. Man orientierte sich an Leonard Cohen und George Martins Beatles-Produktionen.

Drake mochte die musikalischen Impressionisten. So bewegen sich seine Lieder in den Klangwelten von Frederick Delius, Gabriel Fauré oder Claude Debussy. In seinen kurzweiligen Impressionen verwischen Folk, Blues, Gospel, Bossa und Jazz. Seine Texte sind inspiriert von romantischer, pastoraler Lyrik. Er singt sanft und eindringlich von den Beobachtungen eines Einzelgängers, dessen engster Freund die Natur ist.

Auf der zweiten Platte Bryter Layter (1970) schlug er poppigere Töne an. Die Arrangements waren nun bunter und heller, sie entsprachen allerdings auch weniger Nick Drakes Gemütszustand. Er war unzufrieden mit dem Album, hatte das Gefühl, sich verkauft und doch nichts gewonnen zu haben.

Seine Gedanken verdunkelten sich, die Depressionen kamen und mit ihnen die Einsamkeit. Dem musste er Luft machen: Sein letztes, wohl persönlichstes Album Pink Moon (1972) entstand binnen zwei Nächten im Studio. Die Plattenfirma Island Records erfuhr erst davon, als ein Bote die Tonbänder an der Rezeption abgab.

In der Mondfinsternis unterm Nordhimmel steht er nun, der Obstbaum, und er wird dort noch lange stehen und bewundert werden. Wäre Nick Drake ein zartes Musikerpflänzchen, das in diesen Tagen heranwüchse: Der Ruhm wäre ihm gewiss. Denn seine Lieder sind von zeitloser Schönheit, sie überschatten die Gesänge eines Elliott Smith, Badly Drawn Boy oder Conor Oberst.

Damals, als noch die Radiostationen den Ton angaben, stand seine Schüchternheit einer Karriere im Weg. Heute ließe sich daraus ein Image aufbauen. Er wäre ein Star der Myspace-Kultur. Aber würden ihn die Menschen auch in dreißig Jahren noch verehren?

Nick Drakes Alben sind 1979 in der Sammeledition „Fruit Tree“ erschienen und wurden 2007 auf CD und LP bei Universal Island Records wiederveröffentlicht. Die CD-Box enthält den bewegenden Dokumentarfilm „A Skin Too Few – The Days of Nick Drake“ (2000). Im 100-seitigen Beiheft interpretieren die Produzenten seine Lieder und berichten von den Aufnahmen. Außerdem sind alle Liedtexte abgedruckt.

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(36) The Sonics: „Here Are The Sonics!!!“ (1965)
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Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beiträge.

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Menschlicher Dampfkochtopf

„Jim“ heißt das dritte Album des Engländers Jamie Lidell. Es wirkt so ehrlich und handgemacht, als stamme es aus analoger Zeit. Seine Stimme hat Soul, und die Musik klingt wie… Ja, wie eigentlich?

Jamie Lidell Jim

Jamie Lidell – was macht der für Musik? Schwer zu sagen in einem Wort.

Nennen wir es Soul.
Ach, wie Erykah Badu? Nein.
Nennen wir es R’n’B.
Wie Mariah Carey? Nein.
Nennen wir es Funk.
Wie Bootsy Collins? Nein.
Nennen wir es Elektropop.
Wie 2Raumwohnung? Nein!

Es hilft alles nichts. Über Jamie Lidell muss man ein paar Worte mehr sagen.

Wie wär’s mit Retro-Soul-Gospel-Folk-Funk-Avantgarde-Rock-Pop? Das klingt griffig, da fühlt sich jeder angesprochen. Doch im Ernst, es gibt heute unzählige Genres und Subgenres. Orientierung bieten sie nur noch den Jugendlichen, die nicht wissen, wie sie sich kleiden sollen. Setzen wir voraus, die Leser dieser Rezension entscheiden selbst, wieviel Stoff ihre Beine und welche Musik ihre Ohren umspielt und nehmen Abstand von herkömmlichen Genre-Begrenzungen.

Vertrauen wir nicht den Begriffen, vertrauen wir den Menschen, vertrauen wir Jamie Lidell. Der 34-jährige Engländer hat gerade sein drittes Soloalbum veröffentlicht. Jim heißt es, wie der frohgemute Teil seiner multiplen Persönlichkeit. Und es klingt so ehrlich und handgemacht, als stamme es aus analoger Zeit.

„Ich wollte einen Bogen von der Musik der fünfziger bis Ende der siebziger Jahre spannen“, sagt Lidell im Interview. „Die Achtziger und Neunziger habe ich ausgelassen, weil ich lange genug in Berlin gelebt habe. Da wird man zugeschüttet mit solchen Sounds.“

Er beherrscht auch die digitalen Spielarten, hat mit Matthew Herbert gearbeitet und im Duett mit Cristian Vogel als Super_Collider Elektrokrach aufgenommen. Auf seinem zweiten Album Multiply, das im Jahr 2005 erschien, mischte er alten Soul mit aktuellen Klängen und Schnitten. Jim nun rauscht durch die Dekaden, stellt Rock’n’Roll, Hillbillyfunk und Country-Balladen nebeneinander. Seine Soul-Stimme verbindet die verschiedenen Stile zu einem Gesamtwerk.

Jamie Lidell kann laut und leise, doch immer schlagen die Funken, es bratzelt vor Energie. Wer ihn einmal im Konzert erlebt hat, dem offenbart sich eine andere Welt. „Straight out of nothing into a hurricane“, singt er ganz treffend, und so fühlt sich auch seine Musik an. Wir hören Schellenkränze, Orgeln, feines Geplucker, Glockenspiel, Gitarren, Schlagzeug und viel Hintergrundchor.
Mit einer Die-Welt-ist-so-aufregend-ich-muss-euch-davon-erzählen-Geste springt Jamie Lidell vor die Band. Das Gewöhnliche lässt er links liegen. Liebe, Schmerz und Schönheit sind Impressionen, er muss sie nicht beim Namen nennen.

In der sonnigen Nummer Green Light stellt er fest: „It’s only a trick, if you make it a trick. It’s only a good thing, if you make it a good thing.“ Man verschaffe sich freie Fahrt ins Leben, dann fügten sich die Dinge. Aber nicht immer ist alles lässig. Bisweilen steht Jamie Lidell unter großer Anspannung. Er sei ein menschlicher Druckkochtopf kurz vor der Explosion, schreit er in Get This Out Of My System. Dampf ablassen, die Musik ist ein Ventil.

Was auch immer da rauskommt, es pfeift warm, melodiös und kraftvoll. Drücken wir beide Augen zu und nennen es Soul, der Stimme wegen. Eigentlich ist es einfach nur Pop. Ach, wie Madonna und Robbie Williams? Nein!

„Jim“ von Jamie Lidell ist erschienen bei Warp Records/Rough Trade.

Wir trafen Jamie Lidell und seine Ichs in Hamburg. Hier geht’s zur Bildergalerie »

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Auf der Rückbank Rumpeln

Sechs Ohren zwischen Kisten und Pinseln: Wie wäre es, mit Gnarls Barkley ein neues Leben zu beginnen? Eine Umzugsfantasie

Gnarls Barkley Odd Couple

Parken in zweiter Reihe, Warnblinker an. Die beiden bleiben im Auto. Schnell rauf in die Wohnung. Zwei Kartons, eine Reisetasche. Uff. Wieder runter, Kofferraum auf, Zeug rein, Klappe zu, einsteigen. Zündschlüssel drehen, Musik.

Das lässt sich doch ganz schwungvoll an, irgendwie alt, aber dann auch wieder neu. Solide, knatternd und formschön wie ein VW-Käfer. Soul der Sechziger pufft aus Charity Case, dem ersten Lied auf The Odd Couple. Wir klatschen im Takt und drücken aufs Gas.

Ampel rot. Mein Beifahrer Cee-Lo ist verzweifelt: Wer nur soll seine Seele retten? Nun, da er sie sich aus dem Leib gesungen hat. Von der Rückbank rumpelt stetig das Schlagzeug seines Freundes Danger Mouse.

Orange, Grün, Going On. Danger Mouse packt seine Schere aus und schnippelt ein paar alte Tonbänder zurecht, es scheppert und rauscht. Cee-Lo drängt vorwärts, nimmt an Tempo auf: „Run, run away, run for your life“.

Atemlos kommen wir an. Warnblinker. Die beiden bleiben im Wagen. Kofferraum auf, Kartons und Tasche in die Wohnung. Treppen. Uff. Wieder runter. Zurück. Erzähl mal, Cee-Lo, was machst Du so? Hauptberuflich sei er eine Soul-Maschine. Klar, das hört man! Seine Stimme sei seine Stimme, der Spiegel seines Innenlebens. Und Du da hinten? Sagst Du auch mal was, Danger Mouse? Nö. Er mache lieber Musik. Beats. Sammele Vinyl und jage Tonschnipsel durch den Rechner. Ach, und zusammen seid Ihr The Odd Couple namens Gnarls Barkley? Könne man so sagen, sei aber eigentlich ein Maskenspiel. Gibt’s denn nicht schon genug Kostümclowns im Pop? Whatever.

Stopp. Wieder vor der Wohnung. Hoch. Pinsel, Folien, Klebeband eingepackt. Runter, Auto beladen. Surprise, wir streichen einen neapelgelb-rötlichen Canyonsonnenuntergang ins neue Wohnzimmer. Gleich zieht Danger Mouse die Klanghölzchen aus der Tasche. Cee-Los Gesang schwirrt durch die einsame Steppe, schwermütig, besorgt, suchend nach einer Duett-Partnerin. No Time Soon, die ist nicht so leicht zu finden. Kommt Jungs, nicht Trübsal blasen! Spielt mir etwas Fröhliches. So richtig fröhlich könnten sie es nicht, denn da läge immer ein Schatten auf Cee-Los Herz. Versucht es! Linke Spur, Blitzer beglücken. Von hinten trötet eine Jahrmarktmelodie, oder ist es ein Kinderkeyboard? Blind Mary, singt mein Beifahrer. Er liebe sie, denn er sei im Innern so viel schöner als außen, und sie erkenne das. Aber ich dachte, in Dir sei es so dunkel? Ja, schwarz und schön.

Letzte Fuhre, Sofa holen. Ganz schön schwer, Ihr packt mit an! Wie solle das ins Auto passen? Wird schon, der Mäuserich auf der Rückbank macht sich klein. Oh, die Platten nicht vergessen. Stevie Wonder und Motown-Scheiben liegen oben auf. My Neighbors, murmelt Cee-Lo. Unverkennbar. Ruckzuck in die neue Nachbarschaft gedüst. Klappe auf, Sofa raus, treppauf, links, rechts, abstellen. Nehmt Platz! Ob wir eben ihre Platte auflegen könnten? Sicher. Begännen wir doch mit dem letzten Lied, das passe gerade so gut zum Umzug: „Now the circumstances put soul in me. Oh, I feel better.“ Ein wahrhaft beherzter Neuanfang.

„The Odd Couple“ von Gnarls Barkley ist bei Warner Music erschienen.

Gnarls Barkley sind das seltsamste Paar der Popgeschichte. Sie sampeln alles, was nicht davonläuft. Lesen Sie hier die Analyse von Tobias Rapp »

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Brustschwimmen kann sie schon

Die 19-jährige Adele aus London begeistert alle mit ihrem ruhigen Soul. Ihr Material ist herausragend, nur die Produzenten haben zu tief in die Trickkiste gegriffen.

Adele 19

Der alternative Radiosender Motor FM bewirbt seine Musikauswahl mit dem Spruch: „Höre es, bevor es der Mainstream entdeckt.“ Da fragt man sich unweigerlich: Was ist denn so schlimm daran, sich vom breiten, musikalischen Strom umspülen zu lassen? Was treibt diejenigen, die ihm vorausschwimmen müssen?

Es sind die feinen Unterschiede, die eine Gesellschaft strukturieren. Der distinguierte Geschmack des einen teilt ihn von den massenkulturellen Vorlieben des anderen. Es gibt aber auch immer wieder Momente, in denen sich beide einig sind. Momente, in denen Musik aus der Subkultur nach oben dringt und ein unerwartet großes Publikum erreicht, weil sie den Nerv der Zeit trifft. Es sind Momente, in denen sich die Popkultur erneuert und sich die Hörgewohnheiten der Massen verändern.

Aus dem britischen Untergrund krochen 2006 DJ Dangermouse und Cee-Lo Green hervor, sie nannten sich Gnarls Barkley und gaben dem Soul vergangener Jahrzehnte ein zeitgenössisches Gesicht. Die kommerziellen Radiostationen waren hocherfreut ob der frischen Klänge. Diesen Stil griffen Mark Ronson und seine Amy Winehouse auf, drehten noch ein bisschen mehr retrospektiven Seelenschmerz und Straßenglaubwürdigkeit hinein, und fertig war das Wunder: Das Album Back To Black brachte die Durchschnittshörer und die Trendsetter zusammen und setzte neue Maßstäbe.

Der weiße Soul war zurück. Er verband das Vergangene mit modernen Produktionsstilen, zerraspelte alte Hammondorgeln und schmutziges Schlagwerk und heftete elektronische Spielereien an die Schnittstellen.

Dieser Tage nimmt der weiße, der Northern Soul eine weitere Stufe auf dem Weg in die Konzertarenen. Die 19-jährige Adele Adkins aus London hat gerade ihr erstes Album veröffentlicht und schon jetzt alle auf ihrer Seite: die europäischen Radiostationen, die wählerischen Musikexperten und das große Publikum. Wer sie hört, mag sie.

Adeles Lieder sind schlicht und ergreifend. Ruhigen Popsongs fügt sie mit ihrer mal sanften, mal brüchigen Soulstimme das Besondere hinzu. Am schönsten klingt sie ganz allein mit Gitarre oder Klavier – ohne das Balladenorchester, das ihre Kaminzimmermusik zur kitschigen Schmonzette aufbläst. Adeles Material ist herausragend, nur ihre Produzenten haben zu tief in die Trickkiste gegriffen, so als trauten sie dem jungen Talent nicht.

Eg White, der bereits mit Joss Stone, Take That und James Blunt gearbeitet hat, ist verantwortlich für drei typische Popstücke auf dem Album. Die erste Single Chasing Pavements ist solch ein Lied, das White mit Streichern und Trommelwirbeln zwar radiotauglich gemacht aber auch kaputtproduziert hat. Adele hat Kleinodien geschrieben, die zu häufig von Ornamenten erdrückt werden. Auch Mark Ronson durfte einmal Hand anlegen – Cold Shoulder schwimmt im Fahrwasser von Amy Winehouse, setzt aber kein Segel.

Abseits der übergroßen Gesten auf Adeles Album 19 sind wenige zauberhafte Stücke geblieben: Daydreamer und Hometown Glory hallen dafür umso länger nach.

Ja, es gibt Momente in denen sich das Kleine und das Große zu neuer Qualität vermischen. Dieses Album allerdings wird die Hörgewohnheiten der Massen nicht verändern, denn es bleibt beim Altbekannten. Es hat die ballaststoffreichen Balladen für den Rundfunk und die feinen Stücke für daheim. Adele Adkins ist zu wünschen, dass man sie auf der zweiten Platte mit Kurven und Kanten gewinnen lässt. Sie hat gezeigt, dass sie im großen Strom brustschwimmen kann. Nun warten wir auf Schmetterlingsstil.

„19“ von Adele ist bei XL Recordings/Beggars Banquet erschienen.

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Khaki ist das neue Bunt

Mit afrikanischen Melodien bringen Vampire Weekend aus New York den Indiepop auf Trab. Ihr Debütalbum ist ein tropischer Früchtekorb.

Vampire Weekend

Oh, eine neue Jungsgruppe aus New York: nicht schon wieder.

Oh, eine neue Jungsgruppe aus New York: ganz außerordentlich!

Ja, der Ton macht die Musik, und die Musik macht den Ton. In diesem Fall macht’s der Ton des „Oh“, wie in dem Lied A-Punk.

Bisher klang das Wort aus dem Mund eines Indierockers nach schmerzhafter Langweile. Ezra Koenig, der Sänger von Vampire Weekend, lässt es nach Kochbananen, Yams und Ananas schmecken. Die Melancholie des Winters ist geschmolzen in tropischer Sonne, vorbei ist die Zeit der beröhrten Baumwollschalträger. Jetzt sind Polohemden und Khaki-Shorts angesagt.

Vampire Weekend langweilten sich im prätentiösen Korsett des Indierock. Mit Experimentierfreude und Offenheit gegenüber allen Klangwelten gingen sie ans Werk und schufen ein beglückendes Debütalbum. Ihre Lieder vereinen Ska, Afrobeat und Highlife mit den Mitteln poppiger und klassischer Komposition. Gitarren dürfen wieder unverzerrt in Terzen schallen, Orgel und Cembalo schütteln Bach aus der kleinen Taste, Streicher flirren am mangofarbenen Horizont, und das Schlagwerk schöpft aus der Lostrommel: Triolen auf Viertel auf Synkopen, Rassel auf Tomtom auf Conga.

All das klingt so bunt wie die in Cape Cod Kwassa Kwassa besungenen Benetton-Pullover. Oder wie ein afrikanisches Festtagsgewand. Die vier Absolventen der Columbia University haben sich umgehört und auf dem schwarzen Kontinent die Melodien gefunden, die ihnen in ihrem Entwurf von interessanter Popmusik fehlten. Das haben schon viele vor ihnen getan – man denke an Paul Simons Graceland, an Damon Albarn oder an A.J. Holmes, den selbst ernannten King Of The New Electric Hi-Life. Das mag man als Exotismus abtun, als billiges Unterscheidungsmerkmal im Kampf ums Musikerdasein. Aber es ist doch niemandem vorzuwerfen, er bringe die ermattete westliche Popwelt ein bisschen auf Trab.

Ezra Koenig schreibt Texte, wie sie von einem graduierten Literaturstudenten zu erwarten sind: voller Metaphern, gesellschaftskritischer Beobachtungen und rätselhafter Referenzen. Allein mit ihrer Analyse ließe sich viel Zeit verbringen, einige Journalisten führen sie irre. Wenn Koenig von einem gewissen Walcott singt, könnte man annehmen, er meine den Literaturnobelpreisträger. Mitnichten, den Walcott in seinem Lied hat er sich einfach ausgedacht. Er ist eine Figur aus einem Film, den Koenig früher einmal machen wollte, und der sollte Vampire Weekend heißen.

Aus dem Streifen wurde nichts. Dafür ging es schnell voran mit der Musik. Die junge Band schloss im vergangenen Jahr einen Vertrag mit XL Recordings, der Plattenfirma, die auch die White Stripes, Devendra Banhart, M.I.A. und Thom Yorke vertritt. Dann wurden die ersten Kritiker auf sie aufmerksam, und nun sollen Vampire Weekend die Pop-Hoffnung 2008 sein. Vampire Year müssten sie heißen.

Der Rummel schert sie wenig. Im Interview sagt der Schlagzeuger Christopher Tomson (welch klangvoller Nachname für einen Trommler!): „Wir konzentrieren uns auf unsere Hälfte der Gleichung. Wir machen die Lieder, mit denen wir uns wohl fühlen. Die andere Hälfte ist die Reaktion der Leute.“ Das hört sich ganz lässig an, zurückgelehnt und bedacht. Ebenso wirkt Ezra Koenig, wenn er von den Musiken Afrikas und Indiens spricht und wie sie von westlichen Künstlern adaptiert werden. Auf den kulturellen Kontext komme es an. Mit anderen Worten: Die Musik macht den Ton.

Ezra Koenig und Christopher Tomson sprechen über adrette Kleidung, Exotismus und Langeweile im Indierock. Lesen Sie hier das Interview »

Das Debütalbum von Vampire Weekend ist bei XL Recordings/Beggars Banquet erschienen.

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Herz bleibt stumm

Hot Chips neues Album „Made In The Dark“ wird überall gepriesen. Sollte diese Musik wirklich richtungsweisend sein, erwartet uns nicht viel Freude.

Hot Chip

Diese Band stehe für die neue, digitalisierte Bohème, sagt der Tagesspiegel.

Diese Band sitze äußerst erfolgreich zwischen den Stühlen, sagt die FAZ.

Diese Band klinge cool wie sonst nichts, sagt der Musikexpress.

Diese Band sei eine Band völlig neuen Typs, sagt die Spex.

Dieses Album sei die Blaupause für elektronische Popmusik 2008, sagt die Intro.

Dieses Album werde eines der besten dieses Jahres sein, sagt die Welt.

Dieses Album sei das Album der Stunde, sagt DIE ZEIT.

Und was sagt das Herz? Nichts. Es bleibt stumm. Unberührt.

Als im Jahr 2006 Hot Chips Platte The Warning erschien, sang und jubilierte es, war erfüllt von Melodien, pochte im Rhythmus. Jetzt mag es sich nicht regen.

An seiner Statt erwacht der Geist und fragt: Was ist passiert? Was ist anders an Made In The Dark? Er legt den Finger in die Rille und horcht.

Elektronik mischt sich mit Elementen aus Rock, Soul, Folk und Rhythm’n’Blues – es ist für jeden was dabei. Hot Chip zitieren sich durch die Popgeschichte. Der Geist hat seine Freude, all diese feinsinnigen Referenzen zu ordnen. Aber etwas reizt die Nerven: Immer immer wieder wieder wieder wiederhohohoholen sich die Phrararararasen.

Rhythmen und Harmoniefolgen drehen sich in engen Zirkeln, das liegt in der Natur der Popmusik. Melodien jedoch schlagen für gewöhnlich größere Bögen, als Alexis Taylor sie mit seinem sanften Tenor intoniert. Hot Chip verwenden die Stimme als weiteres Instrument in einem kleinteiligen Tanzmusikgefüge. Was auf dem Vorgängeralbum mit einer ironischen Warnung begann („Over and over and over and over: The smell of repetition really is on you“), klingt nun erschöpft und einfallslos. Offenbar haben die liebenswerten Tonschlangen, die sich einst durch Hits wie Colours und And I Was A Boy From School wanden, zwischenzeitlich ein Lineal verschluckt.

Auf Made In The Dark legt sich die Monotonie des Gesangs über farbenfrohes Gerassel. Hin und wieder fügen sich Schlagzeug, Gitarren und Synthesizer zu einem Stampfen. Dann wollen sich Füße und Beine freilich bewegen, der Geist ist d’accord. Aber das Herz bekommt lediglich schlichte Balladen vorgesetzt, so das Titelstück Made In The Dark oder Whistle For Will. Musikalisch fad. Da zündet kein Funke. Wie den Melodien fehlt auch den Stücken im Ganzen ein klingender Bogen. Hot Chip kleben abenteuerliche Versatzstücke aneinander – Schlafzimmerproduktion der leichtfertigsten Art.

Es reicht, Finger von der Rille. Warum sprechen alle über diese Band und diese Platte?

Die Vermutung liegt nahe, dass die Musikbranche ihre Hebel angesetzt hat, um eine recht verbindliche Londoner Jungsgruppe zum nächsten großen Ding zu stilisieren: Schaut her, Hot Chip schreiben ihre Musik daheim, spielen mit den Stilen, tragen große Brillen, Bärte und hässliche Pullover, sind nebenher DJs und haben ein Auge für Design! Solch eine Band muss doch aufregend klingen – dies verbreiten die PR-Agenten, und die vereinigte Presse glaubt es ihnen.

Oder kratzt diese Platte an der Eitelkeit der Journalisten? Es hat den Anschein, als wollten sie wiedergutmachen, dass sie dem herausragenden Vorgängeralbum The Warning nicht die angemessene Aufmerksamkeit haben zukommen lassen. So ergötzen sie sich jetzt am mittelmäßigen Nachfolger. Wenn so viele vermeintliche Meinungsführer in ein blasses Echo einfallen, ist zwangsläufig ein neuer Trend ausgerufen.

Obwohl – Trend? Popmusik bringt im besten Fall Herz, Geist und Körper in Balance. Sollte diese Platte richtungsweisend sein, erwartet uns nicht viel Freude.

Im Interview mit dem ZUENDER erzählt der Sänger Alexis Taylor, mit welcher Musik er aufwuchs »

„Made In The Dark“ von Hot Chip ist als CD und LP erschienen bei EMI.

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Und hinten brummen die Männer

Róisín Murphy, die Sängerin von Moloko, legt ein konsequentes Disco-Album vor – ohne Überraschung und zukunftsweisende Idee.

Roisin Murphy Overpowered

Solisten haben es nicht leicht. Sie sind die Marke, das Gesicht, der Name, sie repräsentieren das Produkt, während hinter ihrem Rücken ein Stab von Helfern und Blutsaugern wirbelt. Der Künstler ist das Kunstwerk. Doch die wenigsten berühmten Solisten des Pop sind musikalisch so vielseitig, dass sie den Komponisten, Produzenten und Ausführenden in sich vereinen. Outsourcing ist die Lösung: Die Musik besorgen andere. Der Solist gibt lediglich seinen Körper und seine Stimme. Wen wundert es, wenn solcher Projektmusik Intimität und Wärme fehlen?

Die Irin Róisín Murphy bekam einen Plattenvertrag bei EMI, weil sie die Manager an Robbie Williams erinnerte. So steht es im Heft zu ihrer neuen CD Overpowered – unkommentiert, denn Miss Murphy war über diese Parallelen vermutlich so erstaunt wie der Leser.

Zehn Jahre lang waren sie und ihr Lebenspartner Mark Brydon das Duo Moloko. Ihre intensive Zusammenarbeit endete im Jahr 2003 in dem Album Statues, ein saftiges, ergreifendes Werk zwischen Disco und Weltschmerz.

Da stand sie nun, Róisín Murphy, die extravagante und extravertierte Sängerin, und suchte nach neuen Perspektiven für sich und ihre Stimme. Sie traf den Londoner Elektronikbastler Matthew Herbert und zog sich mit ihm in sein Klanglabor zurück. 2005 kam Ruby Blue heraus, eine Platte, die Murphys markanten Gesangsstil mit Herberts jazziger musique concrète verbindet.

Projekt fertig, auf zum nächsten. Sie wollte ein Disco-House-Album machen und bot sich der Plattenfirma EMI an. Das Geld war da, man verpflichtete die besten Produzenten in Philadelphia, Miami, New York, Las Vegas, Barcelona, London, nahm die besten Musiker, um den alten Phillie-Sound zu rekonstruieren und zu modernisieren. Das ist durchaus gelungen.

Overpowered ist ein konsequenter Tanzbodenfüller, doch es fehlt ihm an Zauber und Neuigkeit. House-Klischees der Siebziger und Achtziger werden ausgebreitet, hier ein Klatschen, dort ein Hecheln, dazu pumpende Synthesizer-Bässe und ganz viel Hall. Ab und zu brummen Männerchöre im Stakkato, wie man es von Timbalands Hitparaden-Pop kennt. Alles ist poliert, eingängig, beingängig – Kylie Minogue und Sophie Ellis Bextor hüpfen nebenan. Gewiss, Disco ist Murphys Konzept. Aber es entbehrt jeder Überraschung.

Dies ist umso enttäuschender, brachte doch Róisín Murphy bisher immer etwas Unerhörtes, Frisches. Ihre Musik war State of the Art, Idee und zukunftsweisende Botschaft. Overpowered drängt nirgendwohin. Es kommt über Damals und Heute nicht hinaus.

Ist das symptomatisch für den Pop-Betrieb? Sind Solisten bei großen Plattenfirmen gezwungen, sich von ihren Idealen zu verabschieden? Was bleibt dann für morgen?

Robbie Williams jedenfalls prophezeit man keine große Zukunft mehr. Sein letztes Album war kein Erfolg, weil er sich die falschen Produzenten ausgesucht hatte. Vielleicht hat Róisín Murphy mehr Glück und findet bald zu alter Form zurück.

„Overpowered“ von Róisín Murphy ist erschienen bei EMI.

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Kehle und Seele sind eins

Ein weltreisender junger Amerikaner nennt sich Beirut und findet eine musikalische Heimat auf dem Balkan. Seine zweite Platte ist ein Poesiealbum voller Fernweh und Pirouetten.

Beirut The Flying Club Cup

Manch einer bereitet sich im Hier und Jetzt ein warmes Nest, den Anderen zieht die Sehnsucht in die Welt hinaus. Auch da draußen im Unbekannten kann es schön sein, wartet doch allerorts Musik, die es zu entdecken gilt.

Den jungen Zachary Condon aus Albuquerque, New Mexico trieb es schon als Schüler in die Ferne: New York, Istanbul, Berlin, Amsterdam. Er musste Klänge sammeln in seinem tönenden Herbarium. Dann trug er die Samen ins Elternhaus und schüttete sie in seinem Heimstudio aus. Er sortierte sie 2006 in einem Album, nannte sich Beirut und die Platte Gulag Orkestar.

Beirut brachte fremden Wind in die amerikanische Folk-Tradition. Seine Musik erzählte Geschichten aus der Alten Welt. Er schlug Schellenkranz und Trommel, zog das Akkordeon, zupfte die Ukulele, griff in die Klaviertasten und blies das Flügelhorn. Er sang von Bratislava, Brandenburg und Postcards from Italy – und all seine Lieder schwelgten in den rotweingetränkten Klangfarben des Balkans. Dort hat er eine musikalische Heimat gefunden.

Beiruts Sehnsucht gilt nicht nur anderen Ländern, sondern auch anderen, vergangenen Zeiten. Sein neues Album The Flying Club Cup ist inspiriert von einer gleichnamigen Fotografie, die 1910 in Paris entstand. Sie zeigt eine Gruppe von Heißluftballons am Himmel vor dem Eiffelturm. Im Beiheft zur CD lässt er französische Geschichte wieder aufleben: Die Damen auf den historischen Aufnahmen tragen Charleston-Kleider, Fellstolen und Pagenfrisur. Die Herren geben sich im lockeren Kolonial-Chic, ihre Konversationen über Napoleon, Montmartre, Fuchspelze und – wie könnte es anders sein – Reisefieber und Fernweh sind abgedruckt. Ein widersprüchliches, welkes Frankreich, das hinter einem Sepiaschleier schlummert.

Dies sind also die Bilder, die Beirut in sein zweites Album geklebt hat. Seine Musik klingt noch immer, als würde sie von einer rumänischen Hochzeitskapelle gespielt, jetzt aber vor der Sacré Coeur. Zachary Condon liebt die Chansons von Jacques Brel, Charles Aznavour und Serge Gainsbourg. So ist das Ungestüme von Gulag Orkestar einer ausbalancierten Eindringlichkeit gewichen.

Beiruts Melodien sind elegisch, melancholisch und so einfach, dass die Hochzeitsgesellschaft mitsingen kann. Bei aller Weltläufigkeit schafft er eine intime Atmosphäre. Rührend ist der Charme des Imperfekten: Wenn Condon und sein Gulag Orkestar – seine neunköpfige Begleitband – sich versammeln, geht es nicht um makellose Intonation und exakte Rhythmen, sondern um Spielfreude. Die Bläser und Streicher stimmen verstimmte Chöre an, beschwingte Dreiertakte rasseln dahin. Über dem bunten Gemisch erhebt sich der Gesang Beiruts, inbrünstig und gebrochen wie sein Trompetenspiel. Die Melodiebögen fließen aus ihm heraus und verschnörkeln sich zu kleinen Melismen. Kehle und Seele sind eins.

Es ist nicht leicht, einzelne Höhepunkte auf The Flying Club Cup zu benennen. Das pluckernde A Sunday Smile, das im großen Unisono aufgeht, oder The Penalty in seiner mittelalterlichen Schlichtheit, das tänzelnde Nantes oder das alkoholisierte Forks And Knives (La Fête) … am Ende dreht die Welt Pirouetten im Rausch der Klänge, Melodien und Rhythmen.

Beiruts Musik passt in alle Epochen und an alle Orte, denn sie ist ebenso universell verständlich wie zeitlos – ein warmes Nest im Hier und Jetzt.

„The Flying Club Cup“ von Beirut ist als CD und LP erschienen bei 4AD/Beggars Banquet.